Veröffentlicht am 23.01.2026 08:20

„Schmerz ist das, was der Patient empfindet“

Foto: Klinikum Bayreuth
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Schmerz ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen eine Notaufnahme aufsuchen – und zugleich einer der schwierigsten zu bewerten. Wie lässt sich etwas behandeln, das jeder Mensch anders empfindet? Jürgen Weigand, Direktor der Klinik für Interdisziplinäre Notfallmedizin am Klinikum Bayreuth, spricht im Interview über individuelle Schmerzgrenzen, medizinische Verantwortung, kulturelle Unterschiede – und darüber, warum Mitgefühl im stressigen Alltag der Notaufnahme unverzichtbar bleibt.

Haben wirklich alle Patientinnen und Patienten, die in die Notaufnahme kommen, Schmerzen?
Jürgen Weigand: Nicht alle, aber ein großer Teil. Zu uns kommen auch Menschen, die nicht verletzt, sondern erkrankt sind – etwa mit hohem Fieber. Das muss nicht zwangsläufig mit starken Schmerzen einhergehen. Bei Verletzungen ist das anders. Positiv ist, dass Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter heute in klar definierten Situationen bereits Schmerzmittel geben dürfen. Ist ein Notarzt vor Ort, stellt sich diese Frage ohnehin nicht. Ziel ist immer, dass Patientinnen und Patienten möglichst schmerzarm oder schmerzfrei in der Notaufnahme ankommen.

Wenn Sie sich in den Finger schneiden und ich mich in den Finger schneide – empfinden wir denselben Schmerz?
Jürgen Weigand: Nein. Schmerz ist individuell. Zudem wird Schmerz in unterschiedlichen Kulturkreisen auch unterschiedlich ausgedrückt. Ich frage deshalb jeden Patienten, ob er ein Schmerzmittel benötigt. Wenn die Antwort „Nein“ lautet, sehe ich keinen Grund, ihn möglichen Nebenwirkungen auszusetzen. Schmerzmedikamente, die häufig eingesetzt werden, können durchaus relevante Komplikationen haben. Unsere Aufgabe ist es, die Schmerztherapie an der Wahrnehmung des Patienten auszurichten – immer unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem empfundenen Schmerz und dem medizinisch bewerteten Schmerz?
Jürgen Weigand: Ja. Wir sind verpflichtet, eine Ersteinschätzung vorzunehmen. Dabei spielt Schmerz eine wichtige Rolle. Patienten mit starken Schmerzen werden höher priorisiert. Wir arbeiten mit einer Skala von null bis zehn. Null bedeutet kein Schmerz, zehn der schlimmste vorstellbare Schmerz. Die Einschätzung erfolgt durch den Patienten selbst. Studien zeigen, dass diese Angaben häufig eher hoch ausfallen. Deshalb arbeiten wir mit Vergleichsbeispielen. Massive Schmerzen gibt es ohne Zweifel – nach meiner Erfahrung liegen die meisten Patienten jedoch im Bereich zwischen drei und fünf. Um den Schmerz besser einzuordnen, haben wir ein festes Schmerzschema. Es erlaubt der Pflege, bei Bedarf schnell und eigenständig zu handeln. Das ist ein wichtiger Qualitätsfaktor für eine Notaufnahme.

Ist es manchmal notwendig, zuerst den Schmerz zu lindern, um überhaupt behandeln zu können?
Jürgen Weigand: Ja, das ist in vielen Fällen so. Bei starken Bauchschmerzen kann bereits das Ansetzen eines Ultraschallkopfes zusätzliche Schmerzen auslösen. Ohne vorherige Schmerzlinderung wäre eine Untersuchung dann kaum möglich.

Wie helfen Sie Patientinnen und Patienten konkret bei akuten Schmerzen?
Jürgen Weigand: Oft beginnen wir mit einfachen Maßnahmen, auch wenn sie heute fast banal wirken. Bei einer Verstauchung etwa kann Kühlen und Ruhigstellen sehr hilfreich sein.

Solche Basismaßnahmen sind bei uns fest im Schmerzstandard verankert. Bei stärkeren Schmerzen kommen Injektionen oder Infusionen zum Einsatz. Es gibt aber auch alternative Wege, etwa die Medikamentengabe über die Nase – zum Beispiel dann, wenn noch kein venöser Zugang gelegt wurde.

Sie sehen täglich Menschen mit Schmerzen. Stumpft man dabei ab?
Jürgen Weigand: Nein, im Gegenteil. Man fühlt mit. Ich denke oft: Das muss wirklich sehr schmerzhaft sein. Und gerade dieses Mitgefühl ist der Grund, warum man alles daransetzt, die Patienten so schnell wie möglich schmerzfrei zu bekommen.


Von red
north