Noch vor etwa 35 Jahren glaubte man, Frühgeborene würden kaum Schmerzen empfinden. Das Gehirn sei dafür noch nicht reif genug – eine Annahme, die heute als widerlegt gilt. „Frühgeborene Kinder empfinden Schmerzen genauso wie ältere Kinder oder Erwachsene. Und sie gehören in jedem Alter konsequent behandelt“, erklärt Prof. Dr. Patrick Morhart. Er ist Direktor der Kinderklinik am Klinikum Bayreuth, Kinderarzt und Neonatologe. Im Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe behandelt er immer wieder auch die Allerkleinsten.
Wir treffen ihn auf der Frühgeborenen-Intensivstation bei einem seiner Patienten. Er ist in der 25. Schwangerschaftswoche mit rund 1.000 Gramm geboren. Lunge und Magen-Darm-Trakt waren noch unreif, der Start ins Leben entsprechend schwierig. Heute hat er fast sein Geburtsgewicht verdoppelt. Eltern und Behandlungsteam sind zufrieden mit seiner Entwicklung.
Das Kind schläft ruhig. „Im Moment hat er keine Schmerzen“, sagt Prof. Dr. Morhart – nach einem prüfenden Blick auf das Baby, die Monitore und zur Mutter. Denn fragen kann er seine kleinen Patienten nicht. Das macht es zu einer besonderen Herausforderung, Schmerzen zu erkennen.
Schmerz erkennen ohne Worte
Bei Neugeborenen und Frühgeborenen stützt sich die Einschätzung auf Beobachtungen und Messwerte. Spezielle Schmerzskalen berücksichtigen unter anderem Unruhe, Muskelspannung, Gesichtsausdruck sowie Veränderungen von Herzfrequenz und Atmung. „Einzelne Zeichen allein sind oft nicht aussagekräftig – im Zusammenspiel ergeben sie jedoch ein verlässliches Bild“, sagt Prof. Dr. Morhart.
Meist macht der Bauch Probleme
Häufige Ursachen für Schmerzen sind Blähungen und Koliken. „Der Darm Frühgeborener ist noch unreif“, erklärt er. Gleichzeitig sei eine rasche Gewichtszunahme wichtig. „Nahrung, aber auch die oft notwendige Atemunterstützung, belasten den Magen-Darm-Trakt, der sich erst an die neuen Anforderungen anpassen muss.“
Viele der sehr kleinen Kinder reagieren nicht mit Weinen – dafür fehlt ihnen die Kraft. Umso wichtiger ist die enge Beobachtung. „Wir verbringen viel Zeit bei den Kindern und beziehen die Eltern aktiv ein“, sagt Bianca Markhof, die das Pflegeteam der pädiatrischen Intensivstation leitet. „Eltern nehmen auch kleinste Veränderungen sehr sensibel wahr. Sie sind daher für uns ein wichtiger Partner in der Behandlung.“
Warum frühe Schmerzlinderung so wichtig ist
Schmerzlinderung ist nicht nur für den Moment entscheidend. Unbehandelte oder dauerhafte Schmerzen können bereits bei Neugeborenen ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entstehen lassen. Der Körper lernt Schmerz falsch zu verarbeiten – mit möglichen langfristigen Folgen. „Das gilt es zu vermeiden“, sagt Prof. Dr. Morhart.
Sanfte Wege gegen den Schmerz
„Grundsätzlich steht uns das gesamte Spektrum der Schmerztherapie zur Verfügung“, sagt Prof. Dr. Morhart. „Doch meist sind sanfte Methoden ausreichend.“ Nähe, Wärme und Geborgenheit spielen dabei eine zentrale Rolle. Ein ruhiges, gedämpftes Umfeld, Pucken und weiches, rötliches Licht orientieren sich an den Bedingungen im Mutterleib und wirken beruhigend.
Ein besonders wirksames Mittel ist das sogenannte Kangarooing: Haut-auf-Haut-Kontakt mit Mutter oder Vater. Diese Nähe lindert Schmerzen, stabilisiert Atmung und Herzschlag und fördert die Entwicklung. „Nachweislich sind Kinder, die viel Zuwendung und Nähe erfahren, später durchschnittlich intelligenter und resilienter.“ Ist kein Elternteil da, helfen auch gezielte Berührungen durch das Pflegepersonal – etwa ruhiges Handauflegen.
Ein bewährter „Joker“ ist die orale Gabe von Glukose. Dabei geht es weniger um den Zucker selbst. Aber er aktiviert das Belohnungszentrum. „Die Kinder schütten Glückshormone aus – und glückliche Menschen empfinden weniger Schmerz. Die Ablenkung durch das Nuckeln verstärkt den Effekt noch“, erklären Prof. Dr. Morhart und Bianca Markhof. Die Methode ist wissenschaftlich belegt und heute Standard in der Neonatologie.
Bei älteren Kindern bieten nicht-medikamentöse Verfahren, wie Akupunktur oder spezielle Schmerzöle, weitere Möglichkeiten. „Für Neugeborene sind diese wegen der empfindlichen Haut allerdings noch nicht geeignet“, erklärt Prof. Dr. Morhart.
Wenn Medikamente nötig sind
Manchmal reichen sanfte Maßnahmen nicht aus. Dann werden Schmerzmittel eingesetzt – abgestimmt auf Alter und Gewicht und nach klaren Leitlinien. „Aushalten ist keine Option“, betont Prof. Dr. Morhart. „Unsere Entscheidungen stellen immer das Kindeswohl in den Mittelpunkt. Die Kinder sollen möglichst bald gesund und schmerzfrei nach Hause gehen können.“