Fragen an Frau Dr. Susanne Reihl aus der nephrologischen Praxis und DialyseCentrum in der Spinnerei:
Was ist eine Niereninsuffizienz?
Unter einer Niereninsuffizienz (auch Nierenschwäche) versteht man eine nachlassende Nierenfunktion. Die Nieren sind für verschiedenste Funktionen im menschlichen Körper zuständig. Die gemeinhin bekannteste ist die Bildung von Urin, über den Wasser („Entwässerung“) und Stoffwechselabbauprodukte („Entgiftung“) ausgeschieden werden. Hinzu kommen noch andere wichtige Aufgaben wie Regulierung des Säure-Basen-Haushalts, Beteiligung an der Blutbildung und Funktionen im Knochenstoffwechsel. All diese Funktionen können je nach Fortschreiten der Niereninsuffizienz einzeln oder auch in Kombination ausfallen.
Wir unterscheiden bei der Niereninsuffizienz fünf Stadien, die frühen Stadien 1 bis 3a und 3b, sowie die späten Stadien 4 und 5. Die Unterscheidung erfolgt in erster Linie nach dem Ausmaß der Verlusts der Filtrationsleistung der Nieren, die mithilfe der Laborwerte geschätzt werden kann.
Wen betrifft die Nierenschwäche und warum sollte sie frühzeitig erkannt werden?
Die Niereninsuffizienz ist eine häufige Erkrankung, die sich in den allermeisten Fällen auf dem Boden der Volkskrankheiten Bluthochdruck und Diabetes ausbildet. Allein in Deutschland sind schätzungsweise bis zu 10 Millionen Menschen von einer Niereninsuffizienz betroffen, davon ist der größte Anteil von etwa 7 bis 8 Millionen einem sehr frühen Stadium der Niereninsuffizienz (Stadium 1 und 2) zuzuordnen. Es gibt hier eine extrem hohe Dunkelziffer. Viele Menschen in diesen frühen Stadien wissen nichts von ihrer Erkrankung, weil eine frühe Niereninsuffizienz meist keinerlei Beschwerden verursacht. Das große Problem ist allerdings, dass auch bei einer Nierenschwäche im Anfangsstadium der Funktionsverlust nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Verlorengegangene Nierenfunktion bleibt in den allermeisten Fällen verloren und es besteht die Gefahr eines weiteren Nierenfunktionsverlusts mit im Verlauf auftretenden Beschwerden.
Wann können Beschwerden auftreten und welche sind das?
Meist treten Beschwerden erst ab einem Stadium 3b auf, in dem nur noch etwa 30 bis 40 Prozent der normalen Nierenleistung vorhanden sind. Die einsetzenden Beschwerden sind unspezifisch und werden von den Patienten unterschiedlich wahrgenommen. Sie umfassen Müdigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen, Wassereinlagerungen sowie Bluthochdruck. In Laboruntersuchungen hingegen sieht man dann meist deutliche Folgen der Niereninsuffizienz wie die eingeschränkte Entgiftungsleistung, Blutarmut, Störungen im Knochenstoffwechsel und eine Azidose (Übersäuerung des Bluts). Jedes einzelne dieser Symptome (Blutarmut, Azidose, …) ist für sich genommen wiederum ein eigenständiger Risikofaktor, der zur weiteren Nierenfunktionsverschlechterung beiträgt. Das ist auch der Grund, weshalb eine frühe Diagnose und Einschätzung des Risikos einer weiteren Nierenfunktionsverschlechterung wichtig ist. Es gilt, den voranschreitenden und schließlich vollständigen Verlust der Nierenfunktion und damit die Notwendigkeit einer Dialysebehandlung zu vermeiden.
Wer ist Ansprechpartner für die Früherkennung von Nieren-erkrankungen?
Erster Ansprechpartner zu Gesundheitsfragen, Prävention und Früherkennung ist Ihre Hausärztin, Ihr Hausarzt. Hier finden Sie Informationen und Aufklärung über die möglichen Ursachen und Risiken einer Nierenerkrankung. Es können entsprechende Blut- und Urinuntersuchungen in die Wege geleitet werden. Blutdruck und Blutzucker werden kontrolliert. Eventuell notwendige Medikamente werden durch den Hausarzt verordnet bzw. angepasst. Bei Bedarf wird Sie Ihr Hausarzt an einen Facharzt für Nierenheilkunde (Nephrologe) überweisen.
Wann sollte eine Vorstellung bei einem Nephrologen erfolgen?
Das entscheidet ihr Hausarzt nach leitlinienbasierten Kriterien: Ende 2024 wurden die Leitlinien für die Versorgung von Patienten mit chronischer Nierenerkrankung aktualisiert, die sich auf die Versorgung in der Hausarztpraxis bezieht und darauf abzielt, die Früherkennung und Behandlung von Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz zu verbessern, um langfristige Gesundheits-risiken zu minimieren und die Dialysepflicht zu vermeiden oder hinauszuzögern. An der Erarbeitung dieser Leitlinien, in die neueste wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen, waren sowohl Fachgesellschaften der Allgemein- und Familienärzte wie auch der Nephrologen beteiligt.
Es gibt Fälle, in denen eine nephrologische Mitbehandlung schon in einem frühen Stadium der Niereninsuffizienz (1 bis 3) angezeigt ist, nämlich immer dann, wenn das Risiko für ein schnelles Fortschreiten der Nierenschwäche erhöht ist. Die Leitlinie gibt uns dabei genaue Kriterien an die Hand. So sollten beispielsweise Patienten, bei denen eine deutlich erhöhte Eiweißausscheidung mit dem Urin besteht (Albuminurie > 300mg/g Kreat.) frühzeitig nephrologisch vorgestellt werden. Bei einem raschen Verlust an Filtrationsleistung (eGFR mehr als 5ml/min in einem Jahr) ist dies ebenfalls angezeigt. Jede Nierenschwäche unklarer Ursache sowie eine anhaltende Mikrohämaturie (nicht mit dem bloßen Auge sichtbares Blut im Urin), die urologisch nicht erklärbar ist, sollten nephrologisch abgeklärt werden.
Ist der Weg vorgezeichnet – muss ich Angst davor haben, an der Dialyse zu landen, wenn mich mein Hausarzt zum Nephrologen schickt?
Keineswegs. Es kann sein, dass eine einmalige Vorstellung beim Nephrologen ausreichend ist und der Hausarzt die weitere Betreuung übernimmt. Es gibt aber auch Fälle, die bereits in frühen Stadien engmaschiger nephrologisch gesehen werden müssen, damit eine gut verzahnte Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Nephrologen das Risiko für ein weiteres Fortschreiten der Niereninsuffizienz senkt und nach Möglichkeit eine Dialysepflicht verhindert werden kann.
Was kann ich selbst für meine Nierengesundheit tun?
Wie auch bei der Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen gilt auch für die Niere: Der Blutdruck sollte optimal eingestellt sein. Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen, verzichten Sie auf verarbeitete Lebensmittel, kochen Sie mit frischen Zutaten. Sparen Sie Salz – verwenden Sie besser Kräuter und salzfreie Gewürze. Trinken Sie Wasser und ungesüßte Tees, vermeiden Sie Softdrinks vollständig. Eine normale Trinkmenge liegt etwa zwischen 1,5 und 2,5 Liter pro Tag, bei Vorerkrankungen kann es sein, dass Sie deutlichen weniger trinken sollten. Ernähren Sie sich vorwiegend pflanzenbasiert. Versuchen Sie, Ihr Gewicht zu normalisieren. Bleiben Sie regelmäßig in Bewegung. Treiben Sie Sport oder versuchen zumindest Bewegung in den Alltag zu integrieren: Gehen Sie zu Fuß zur Arbeit, nehmen Sie die Treppe anstatt des Aufzugs. Hören Sie auf zu rauchen und vermeiden Sie die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln wie Aspirin, Diclofenac, Ibuprofen etc.
Nephrologische Praxis und Dialysecentrum in der Spinnerei,
Dr. Andreas Reihl, Dr. Robin, Santanovskij, Gabriele Fisch, Dr. Susanne Reihl
Spinnereistraße 7, 95445 Bayreuth
Weitere Informationen unter: 0921 - 5072020