Fragen an Dr. Robin Satanovskij aus der nephrologischen Praxis und DialyseCentrum in der Spinnerei.
Was ist LDL-Cholesterin – und warum ist es gefährlich?
Dr. Satanovskij: Cholesterin ist lebensnotwendig – entscheidend ist das Transportpartikel. Das LDL, das „schlechte“ Cholesterin, bringt es von der Leber in den Kreislauf. Ist zu viel unterwegs, lagert es sich in der Gefäßwand ein. Über Jahre entstehen Plaques, die Arterien verengen, sich entzünden und aufreißen – der Mechanismus hinter Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen der Beine (sog. pAVK). Kaum ein Zusammenhang ist so gut belegt: LDL ist nicht nur Marker, sondern Ursache.
Welche Zielwerte sollte man erreichen?
Dr. Satanovskij: Das hängt vom persönlichen Risiko ab – einen „Normalwert“ für alle gibt es nicht. Wer bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, etwa nach Herzinfarkt, Stent oder Schlaganfall, gehört in die höchste Risikogruppe: LDL mit Ziel unter 55 mg/dl, zugleich eine Halbierung des Ausgangswerts. Seit 2025 gibt es eine noch strengere Stufe von unter 40 mg/dl – für Menschen, die trotz maximaler Cholesterinsenkung erneute Ereignisse erleiden, und für solche mit Verkalkungen in mehreren Gefäßgebieten, etwa Herz und Beine. Wer z.B. einen Stent am Herzen hat und zusätzlich Verkalkungen an den Halsschlagadern, gehört in diese strengste Gruppe. Bei hohem Risiko, etwa bei Diabetes oder eingeschränkter Nierenfunktion, gilt unter 70 mg/dl, bei mittlerem Risiko unter 100 mg/dl und bei niedrigem Risiko unter 116 mg/dl.
Warum so niedrig? Das klingt für viele Patienten extrem.
Dr. Satanovskij: Weil die Daten eindeutig sind. Je höher das LDL und je länger es erhöht bleibt, desto wahrscheinlicher ist ein neues Ereignis. Umgekehrt senkt jede Reduktion um 40 mg/dl das Infarkt- und Schlaganfallrisiko um rund 20% – ein schädliches „zu niedrig“ gibt es nicht. Aber es besteht kein Grund zur Panik: Ein erhöhter Wert ist kein Urteil. LDL ist der am besten beeinflussbare Risikofaktor, den wir haben – das ist eine gute Nachricht. Wer ihn kennt und konsequent behandeln lässt, senkt sein Risiko über die Jahre erheblich.
Was kann man selbst tun?
Dr. Satanovskij: Lebensstil ist die Basis, reicht allein aber selten. Sinnvoll sind pflanzenbetonte Ernährung, regelmäßige Bewegung, Normalgewicht und v.a. Nichtrauchen. Damit lassen sich beim LDL realistisch 10 bis 15 Prozent senken. Wer von 160 auf unter 55 mg/dl muss, braucht meistens Medikamente. Das ist keine persönliche Niederlage, sondern Biologie: Ein großer Teil des Cholesterins wird in der Leber gebildet, unabhängig von der Ernährung.
Welche Medikamente stehen zur Verfügung?
Dr. Satanovskij: Wir haben heute eine ganze Reihe, die wir stufenweise einsetzen. Statine sind die Basis und senken das LDL je nach Dosis um 30 bis 50 Prozent. Reicht das nicht, kommt Ezetimib dazu, das die Aufnahme im Darm hemmt – hierdurch können noch einmal rund 20 Prozent gesenkt werden. Bempedoinsäure wirkt statinähnlich, aber nicht im Muskel, und eignet sich deshalb bei Muskelbeschwerden unter Statinen. Nächste Stufe sind Spritzen: PCSK9-Hemmer alle zwei bis vier Wochen, Inclisiran nach der Startphase nur zweimal jährlich – beide senken das LDL noch einmal um rund die Hälfte. Kombiniert reicht das für die meisten Patienten aus.
Und wenn der Zielwert trotzdem nicht erreicht wird?
Dr. Satanovskij: Dann bleibt eine Option, die vielen unbekannt ist: die Lipidapherese, eine Art „Blutwäsche“ für Cholesterin. Das Blut läuft über ein Filtersystem, das LDL und z.B. auch Lipoprotein(a) gezielt entfernt. Eine Sitzung senkt das LDL um bis zu 80 %; danach steigt der Wert wieder, weshalb wöchentlich behandelt wird – zwei bis drei Stunden pro Sitzung. Infrage kommen zwei Gruppen: Menschen mit fortschreitender Gefäßerkrankung, deren LDL trotz maximaler Medikation über dem Ziel bleibt, und Patienten, die Medikamente nicht vertragen und unter Nebenwirkungen leiden. Das Ergebnis ist eindrucksvoll: Bei den meisten dauerhaft behandelten Patienten treten unter der Lipidapherese keine neuen Herz-Kreislaufereignisse mehr auf.
Unter welchen Voraussetzungen zahlt die Krankenkasse?
Dr. Satanovskij: Die Lipidapherese ist eine Kassenleistung, aber genehmigungspflichtig. Voraussetzung ist ein trotz optimaler Therapie oder falls Medikamente nicht vertragen werden, nicht erreichbarer LDL-Zielwert, streng genommen über mindestens zwölf Monate, sowie eine dokumentierte, fortschreitende Gefäßerkrankung. Den Antrag übernehmen wir, mit Laborverläufen, Befunden, etc. Geprüft wird er von einer Lipid-Kommission der Kassenärztlichen Vereinigung, besetzt mit Kardiologen und Nephrologen.
Wer sollte seinen LDL-Wert bestimmen lassen?
Dr. Satanovskij: Im Grunde jeder Erwachsene, spätestens ab dem mittleren Lebensalter. Besonders dringend rate ich dazu bei:
Herzinfarkt oder Schlaganfall in jungen Jahren in der Familie (Männer unter 55, Frauen unter 65), bereits bekannter Gefäßerkrankung oder Zustand nach Herzinfarkt, Stent oder Bypass, Diabetes, Bluthochdruck oder chronischer Nierenerkrankung, erneuten Herz-Kreislauf-Ereignissen trotz Therapie, Unverträglichkeit der bisherigen Cholesterinsenker.
Die Messung ist unkompliziert – eine normale Blutabnahme. Entscheidend ist danach das Gespräch: Welcher Zielwert gilt für mich, wie weit bin ich davon entfernt, was ist der nächste Schritt?
Kennen Sie Ihren Wert – und fragen Sie im Zweifel nach!
Spinnereistraße 7
95445 Bayreuth