Der Vater der Sportstadt Bayreuth würde heute 100

BAYREUTH. Am heutigen Mittwoch, 27. November, würde der Bayreuther Alt-Oberbürgermeister Hans Walter Wild 100 Jahre alt. Von 1958 bis 1988 führte der Sozialdemokrat die Geschicke Bayreuths und war wohl der Oberbürgermeister, der in der Nachkriegszeit die meisten Akzente in der Stadtentwicklung setzte.

Zur Oberbürgermeisterwahl am 23. März 1958 trat der bisherige Amtsinhaber Hans Rollwagen (SPD) nach zehn Amtsjahren aus Altersgründen nicht erneut an. Als Nachfolger wurde der damals 38-jährige Stadtrechtsrat Hans Walter Wild gewählt, der seit 1952 der SPD angehörte und bei der Wahl auch von der CSU und dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) unterstützt wurde. Wild erhielt 15.943 Stimmen, sein Gegenkandidat Dr. Fritz Meyer von der Überparteilich Freien Wählergruppe (ÜFW) kam auf 13.333 Stimmen.

Ein “Politiker neuen Typs”

Nach dem nüchtern-sachlichen Hans Rollwagen, der den Wiederaufbau der Stadt geleitet hatte, kam mit Hans Walter Wild „ein Politiker neuen Typs“ an die Spitze der Stadt, wie es Dr. Rainer Trübsbach in seiner „Geschichte der Stadt Bayreuth“ formulierte. Er schöpfte die Möglichkeiten, die die süddeutsche Ratsverfassung einem Oberbürgermeister bietet, voll aus und verstand sein Amt immer auch als fundamental politisch. Der Jurist Wild war fachlich kompetent auf vielen Sachgebieten und machte die Stadt zielstrebig und mit viel Durchsetzungskraft fit für die Zukunft.

 

 

Da war einmal der Verkehrssektor. Eine der weittragendsten Entscheidungen, die das Stadtbild wie keine andere beeinflussen sollte, war die Erstellung eines Generalverkehrsplanes durch den Hannoveraner Städteplaner Dr. Hellmut Schubert, der 1964 vorgelegt und beschlossen wurde. Mit dessen Verwirklichung baute die Stadt einem Verkehrschaos vor, schließlich war die Zahl der Kraftfahrzeuge im Stadtgebiet von 1950 bis 1965 von 2.400 auf 19.000 angestiegen, wie Professor Herbert Popp in seinem Buch „Bayreuth – neu entdeckt“ ausführt.

“Jahrhundert-Bauwerk”

Zentral war der Bau des von OB Wild als „Jahrhundert-Bauwerk“ bezeichneten Stadtkernrings, der gewaltige Schneisen ins vertraute Stadtbild schlug. Symbole für einen gewissen Kahlschlag waren etwa das historische Fachwerk-Gasthaus „Eck-Schoberth“ an der Erlanger Straße oder die historische Ludwigsbrücke, die den Luitpoldplatz mit der Bahnhofstraße verbunden hatte. An ihre Stelle trat die Mainüberdachung, der Rote Main kam zum Hochwasserschutz in ein Betonbett. Bis Mitte der 1970er-Jahre flossen 63 Millionen Mark an Bundes- und Landesmitteln in den Bayreuther Straßenbau, so Bernd Mayer in seinem Buch „Bayreuth – Die letzten 50 Jahre“. Hier kam Bayreuth auch das gute Verhältnis von OB Wild zum aus Bayreuth stammenden Bayerischen Finanzminister Dr. Konrad Pöhner (CSU) zugute. Auch in anderen Bereichen wurde nicht allzu feinsinnig mit historischer Bausubstanz umgegangen. Um das 1972 eingeweihte, zwölfstöckige Neue Rathaus am Luitpoldplatz verwirklichen zu können, musste das historische „Reitzenstein-Palais“ weichen. Kurz vorher entstand die neue Tiefgarage am Luitpoldplatz.

 

 

In der Amtszeit Hans Walter Wilds wurde jedoch auch der Autoverkehr allmählich aus der Innenstadt verbannt. So wurde 1978 die Untere Maxstraße zur ersten Fußgängerzone, 1980 folgte die Richard-Wagner-Straße und 1985 baute man schließlich die gesamte Maxstraße zur Fußgängerzone um.

Bayreuth Universitätsstadt

Im Bildungsbereich wurden 1962 die neue Realschule an der Bürgerreuth und 1966 der Neubau des GCE eingeweiht. 1969 brachte Wild bei einer Wahlkampfveranstaltung zur Bundestagswahl in Bayreuth mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt die Errichtung einer Universität in Bayreuth ins Gespräch. Unterstützt vor allem auch von Dr. Konrad Pöhner und Landtagsabgeordnetem Simon Nüssel wurde der Wunsch relativ bald Wirklichkeit. 1971 fasste der Landtag den Gründungsbeschluss für die neue Universität, 1974 war die Grundsteinlegung und 1975 startete der Lehrbetrieb.

Ein weiterer großer Meilenstein war 1965 die Eröffnung der Stadthalle nach umfassenden Sanierungs- und Wiederaufbauarbeiten gewesen. Derzeit wird das Gebäude, über 50 Jahre später, wieder umfassend saniert. In den 1970er-Jahren sprach man von den „vier großen W‘s“, die die Geschicke Bayreuths bestimmten: OB Hans Walter Wild, Festspielleiter Wolfgang Wagner, Regierungspräsident Wolfgang Winkler und Universitätspräsident Klaus Dieter Wolff.

 

 

Im Gesundheitsbereich war der Glanzpunkt in Wilds Amtszeit der 1980 begonnene Bau des Klinikums am Roten Hügel. 1983 war Richtfest, 1986 wurde der Neubau eingeweiht. Eine wichtige Bedeutung hatte auch die Ansiedlung der Markgrafen-Kaserne. Die Ausweisung etlicher neuer Industrie-, Gewerbe- und Wohngebiete stärkte die Wirtschafts- und Finanzkraft der Stadt. Die Einwohnerzahl Bayreuths stieg während Wilds Amtszeit, zum Teil auch durch die 1972 bis 1978 durchgeführte Gemeindegebietsreform, von rund 60.000 auf über 70.000.

Sportleidenschaft

Ein Kapitel für sich ist die Sportleidenschaft des OB Wild. In seinen Amtsjahren wurde Bayreuth zu einer echten „Sportstadt“. Das 1967 eingeweihte Städtische Stadion wurde Mitte der 1970er-Jahre weiter, unter anderem mit der neuen Haupttribüne, ausgebaut. Als sich die SpVgg Bayreuth zur Saison 1974/75 für die neu gegründete Zweite Fußball-Bundesliga Süd qualifizierte, zog die Altstadt von der alt-ehrwürdigen Jakobshöhe in das Städtische Stadion um. Bis 1990 blieb die SpVgg mit Unterbrechungen zweitklassig, 1979 wäre sogar fast der Aufstieg in die Erste Fußball-Bundesliga gelungen. Hans Walter Wild war einer der größten Altstadt-Fans und half, zusammen mit seinem Sportamtsleiter Manfred Kreitmeier, dem Verein, wo es nur ging. Nach dem Tod Hans Walter Wilds wurde das Städtische Stadion nach dessen Namen benannt. Aber nicht nur die Fußballer, auch das Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren kometenhaft aufgestiegene Eishockeyteam des SV Bayreuths erhielt mit dem Eisstadion eine Heimstatt, die im Laufe der Jahre überdacht und mit einer zweiten Tribüne versehen wurde, als der SVB 1985/86 ein Jahr lang in der Eishockey-Bundesliga spielte. Komplettiert wurde der Sportpark schließlich durch die Oberfrankenhalle, für die 1986 der Grundstein gelegt wurde und in der die Bayreuther Bundesliga-Basketballer eine adäquate Heimstatt fanden.

 

Die Leistungen von Oberbürgermeister Hans Walter Wild wurden auch von den Bürgern goutiert. So siegte er 1964 bei der OB-Wahl ohne Gegenkandidat mit 97,7 Prozent der Stimmen, 1970 holte er sogar ein 98-Prozent-Ergebnis. Auch seine Partei, die SPD, hatte von 1966 bis 1978 die absolute Mehrheit im Stadtrat – eine Situation, von der die Bayreuther Sozialdemokraten heute nur noch träumen können. Bei den OB-Wahlen 1976 stellte die CSU erstmals einen Gegenkandidaten auf. Der Rechtsanwalt Ortwin Lowack holte mit 42 Prozent ein Achtungsergebnis, ebenso wie sechs Jahre später sein Parteifreund Heinrich Dumproff mit 44,7 Prozent. OB Wild war in seiner Position aber nie ernsthaft gefährdet. Nachfolger von Hans Walter Wild wurde 1988 Dr. Dieter Mronz (SPD), der sich mit 58 Prozent der Stimmen gegen den mittlerweile dem Bundestag angehörenden Ortwin Lowack (CSU) und Werner Kolb (Grüne) durchsetzte.
Hans Walter Wild verstarb am 24. Mai 2001. Er ist auf dem Friedhof St. Georgen begraben. Dort wird Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe auch heute einen Kranz niederlegen.

Erinnerungen der Familie
Sein Sohn Alexander Wild erinnert sich, dass Hans Walter Wild trotz seiner beruflichen Belastung Familienmensch war. „Ich erinnere mich an abenteuerliche Familienreisen zu fünft im vollbepackten Käfer, auch an eine gewisse Strenge in Hinsicht auf schulische Leistungen. Er führte uns alle sehr bald am Grünen Hügel ein, sei es durch Generalprobenkarten oder auch mal durch einzelne Akte, die er schwänzte. So kann ich mich ab 1962 an so ziemlich alle Inszenierungen erinnern. Etwa 1965 schenkte er mir eine Normal-8 Filmausrüstung, durchaus nicht uneigennützig, denn er wollte gewisse Ereignisse seiner Amtszeit auf Zelluloid haben. Das Ergebnis ist zum Teil auf meinem youtube-Kanal zu betrachten: ,Bayreuth 60er Jahre‘. Hans Walter Wild war technisch und handwerklich unbegabt, im Gegensatz zu seiner patenten Frau Gerda, die sich alle Festspiel- und Ballkleider selber schneiderte und keines zweimal trug. Mit dem Größerwerden erfuhren wir, dass unsere Meinung zu kommunalen Themen zu Hause zählte. Er holte sich durchaus daheim Rat. Die Denkschrift zur Forderung nach einer Universität und einem Oberzentrum wurde mit dem Know-how aus meiner Schülerzeitungsarbeit bestritten. Damals lagen die Druckseiten in der ganzen Wohnung herum. Als wir alle aus dem Hause waren, trafen wir uns noch bis kurz vor seinem Tod sonntäglich in Gut Grunau in immer größer werdender Runde. Das war die Zeit, in der er sein Buch veröffentlichte: ,Denk ich an damals‘. Auch dieser Titel war das Ergebnis eines familiären Brain-Stormings. Es geht um die Gründung der Universität und liest sich wie ein Krimi. Sein zweites Buch blieb unvollendet. Nach seiner Amtszeit merkte man ihm den Machtverlust an. Noch war er in einigen Ämtern aktiv und beschäftigte eine Sekretärin. Aber er entdeckte dann auch den Landwirt in sich und begann zu gärtnern, hielt Hühner, Enten, Hunde. Und besuchte die Altstadt bei allen Spielen, ging zum Eishockey und Basketball“.

 

 

Erinnerungen seines Nachfolgers Dr. Dieter Mronz
Sein Nachfolger Dr. Dieter Mronz schätzt an Hans Walter Wild besonders, dass er in seiner elfjährigen Referententätigkeit neben ihm die profunde Amtserfahrung seines Vorgängers mit Bereitschaft zur Weitergabe erleben konnte. Ebenso lobt Mronz die Weitsicht Wilds in der Stadtentwicklung, das Verantwortungsbewusstsein samt Durchsetzungsfähigkeit und die Offenheit der Meinungsäußerung.
Die Amtsübergabe 1988 geschah neben den offiziellen Verabschiedungsfeiern in drei getakteten persönlichen Besprechungsterminen gegen Ende April und einem Übergabeakt am 30. April mit OB-Schlüsselbund, gegenseitigen Wünschen und Händedruck.

Hinsichtlich „offener Baustellen“, die er übernehmen musste, nannte Dr. Mronz die weitere Innenstadtsanierung mit dann hinzugefügter Umgestaltung von Kirchplatz samt neuem Historischem Museum/Lateinschule, Sternplatz, Opernplatz, Marktplatz, Friedrichstraße usw., die Errichtung des Parkhauses Oberfrankenhalle, die Durchsetzung des Nordrings/Hofer Straße zum Industriegebiet – und als Handlungsbedarf die planmäßige Stadtbegrünung, die Ausweisung neuer Gewerbe- und Wohngebiete sowie Landschaftsschutzgebiete, neue Kindergärten, Kinderspielplätze, Schulturnhallen usw..

Roland Schmidt

 

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