Im Opernspielplan, so scheint es zumindest, gibt es feste Kategorien: Da sind die Opern, die landauf landab beständig gespielt werden und da sind die Raritäten, die Kuriositäten und die Werke mit dem Etikett „neu“, die der Abwechslung halber gerne mal eingestreut werden. Und schließlich gibt es noch Werke, die man am liebsten außen vorlassen und wenn überhaupt, dann nur mit spitzen Fingern anfassen möchte. Wie beispielsweise „Rienzi“, Richard Wagners dritte vollendete Oper. Ein fürwahr monumentales Werk: gewaltig, ehrgeizig und laut.
Es erzählt – als Vorlage diente Edward Bulwer-Lyttons 1835 erschienener gleichnamiger Roman – vom Aufstieg und Fall des römischen Volkstribunen Cola di Rienzi. Der charismatische Politiker befreit das Volk von der Willkür des Adels, wird gefeiert, verliert sich dann zunehmend in Hybris und Macht und endet im Flammenmeer des Kapitols. Pathos, große Chöre, Intrigen, Verrat, Gebete und Katastrophen – die französische Grand opéra des 19. Jahrhunderts lässt grüßen.
Und genau darin liegt das Kuriosum. „Rienzi“ klingt nämlich wenig nach Wagner. Man muss schon sehr genau hinhören – der typische Wagner-Sound lässt sich allenfalls dann und wann erahnen. Denn der junge Komponist orientierte sich unverhohlen an Meyerbeer und Fromental Halévy. Fünf Akte, Massenszenen, Prozessionen, Balletteinlagen – zumindest ursprünglich - und knallend effektvolle Finali – Wagner wollte den überwältigenden Publikumserfolg. Unbedingt. Und den holte er sich auch.
Die Uraufführung 1842 in Dresden war ein Triumph und begründete seinen Ruf. Zeitweise war „Rienzi“ seine erfolgreichste Oper. Während Werke wie „Tristan und Isolde“ oder der „Ring des Nibelungen“ anfangs eher Stirnrunzeln hervorriefen, beeindruckte „Rienzi“ das Publikum zuverlässig. Monumentalität verkauft sich eben oft besser als Revolution.
Doch mit den Jahren änderte sich das: Wagner entwickelte sich in eine völlig andere Richtung und sprach über sein Frühwerk zunehmend mit höflicher Distanz. „Rienzi“ passte nicht mehr in sein Selbstbild als Komponist und verkam so zum ungeliebten Verwandten der Familie: Man respektierte die Existenz, sprach aber lieber über die jüngeren und auch erfolgreicheren Geschwister.
Hinzu kam eine Rezeptionsgeschichte, die bis heute schwer auf dem Werk lastet. Adolf Hitler verehrte „Rienzi“ nach eigenem Bekunden seit seiner Jugend und stilisierte insbesondere die Titelfigur zum Vorbild des charismatischen Volksführers. Die Ouvertüre erklang bei Parteiveranstaltungen; die Oper erhielt dadurch eine politische Aufladung, die dafür sorgte, dass sie nach 1945 kaum noch gespielt wurde.
Heute bemühen sich Opernhäuser und Musikwissenschaft um eine differenziertere Betrachtung. So erkennt man durchaus an, dass „Rienzi“ ein faszinierendes Dokument des jungen Wagner ist – eine Oper an der Schwelle zwischen französischer Effektkunst und dem späteren musikdramatischen Kosmos. Gleichzeitig bleibt das Werk eine Herausforderung: Die ungekürzte Fassung dauert weit über fünf Stunden, verlangt ein riesiges Ensemble und in der Titelrolle einen Tenor mit Herkuleskräften.
Und so verharrt „Rienzi“ bis heute in einer eigentümlichen Konstellation; zu bedeutend, um vergessen zu werden, zu monumental und sperrig, um regelmäßig gespielt zu werden und zu historisch belastet, um jemals unbefangen betrachtet zu werden. Doch vielleicht macht gerade das den Reiz aus: „Rienzi“ ist keine vollendete Wagner-Oper im späteren Sinn, eher die überdimensionierte Ansage eines selbstbewussten Komponisten, der damals noch nicht wusste, dass er die Operngeschichte auf den Kopf stellen würde.