Seit mehreren Jahren gehört Nadine Weiss-mann zu den Solistinnen der Bayreuther Festspiele. In diesem Sommer ist sie erneut als Mary im „Fliegenden Holländer“ zu erleben. Im Gespräch berichtet die Mezzosopranistin über die Entwicklung ihrer Rolle, die besondere Arbeit auf dem Grünen Hügel, moderne Operninszenierungen und die Zukunft der Festspiele.
Frau Weissmann, Sie kehren in diesem Sommer nach Bayreuth zurück. Die Festspiele feiern ihr 150-jähriges Bestehen. Welche Bedeutung hat dieses Jubiläum für Sie?
Bayreuth ist für mich längst ein vertrauter Ort geworden. Während der Festspiele verbringe ich viele Wochen hier. Natürlich freue ich mich immer darauf, wiederzukommen und zu sehen, was sich verändert hat. Das Jubiläum selbst ist für mich gar nicht die große Zäsur. Spannend finde ich, was in diesem Jahr zusätzlich passiert – das Rahmenprogramm, die neuen Produktionen oder Projekte wie „Brünnhilde brennt“.
Sie singen erneut die Mary im „Fliegenden Holländer“. Viele sehen sie als Nebenfigur. Was macht diese Rolle für Sie interessant?
Mary entwickelt sich in dieser Inszenierung über kleine Dinge. Dmitri Tscherniakov hat genau festgelegt, in welchen Momenten sich bei ihr der Gedanke entwickelt, dass der Holländer nichts Gutes im Schilde führt und möglicherweise nicht nur ihre Familie, sondern die ganze Stadt bedroht.
Anfangs haben wir uns vor allem mit den technischen Abläufen beschäftigt. Allein das Tischdecken in einer Szene wirkt von außen einfach, tatsächlich sind Handgriffe auf die Musik abgestimmt. Schon wenige Sekunden Verzögerung bringen den Ablauf durcheinander. Auf der Bühne gibt es zudem wenig Platz und viele Stellen, an denen man achtsam sein muss.
Erst als diese Abläufe wie selbstverständlich funktionierten, konnten wir an den feinen Nuancen arbeiten: an Blicken, Gesten oder daran, wie Mary eine Serviette auseinanderfaltet, ein Glas hält oder Daland ansieht.
In diesem Sommer stehen neue Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne. Verändert das die Produktion?
Ja. Wir haben im Holländer schon mit verschiedenen Sängern gearbeitet – manchmal auch ganz kurzfristig wegen Erkrankungen. Jeder bringt seine eigene Persönlichkeit mit, dadurch entsteht immer wieder eine neue Dynamik.
Auch der große Anteil neuer Chormitglieder bringt heuer eine besondere Spannung. Das überträgt sich auf die gesamte Produktion. Plötzlich fühlt es sich fast wieder so an, als würde man selbst etwas Neues entdecken.
Richard Wagner begleitet Ihre Karriere seit vielen Jahren. Was fasziniert Sie an seiner Musik bis heute?
Wagners Musik ist unglaublich emotional. Durch seine Leitmotive wird einem manchmal schon fast körperlich klar, worum es gerade geht. Bestimmte musikalische Passagen lösen unmittelbar ein Gefühl aus. Je länger ich mich mit seinen Werken beschäftige, desto mehr entdecke ich die enge Verbindung von Text und Musik. Auch die Figuren gewinnen an Tiefe. Viele Konflikte, die Wagner beschreibt, sind bis heute aktuell. Gerade deshalb wirken seine Opern erstaunlich zeitlos.
Moderne Inszenierungen werden häufig kontrovers diskutiert. Wie stehen Sie zu neuen Ansätzen wie Künstlicher Intelligenz?
Ich finde es wichtig, Neues auszuprobieren. Nicht alles gelingt, aber Kunst muss auch scheitern dürfen. Richard Wagner selbst war ein großer Verfechter neuer Ideen und technischer Entwicklungen. Entscheidend ist für mich, dass die Essenz eines Werkes erhalten bleibt. Eine Inszenierung kann ganz modern oder sehr traditionell sein – wichtig ist, dass sie einen nachvollziehbaren Gedanken verfolgt. Gutes Theater bleibt gutes Theater.
Ich bin deshalb auch gespannt auf den KI-Ring. Man muss offen bleiben und ausprobieren. Natürlich gefällt einem nicht jede Idee. Solange die Geschichte und ihre Aussage jedoch erkennbar bleiben, finde ich solche Ansätze spannend.
Wie sehen Sie die Zukunft der Bayreuther Festspiele und der Oper insgesamt?
Überall wird derzeit über Kultur und ihre Finanzierung diskutiert. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie groß das Bedürfnis der Menschen nach Live-Aufführungen ist. Das unmittelbare Erlebnis im Theater kann kein Bildschirm ersetzen. Diese emotionale Verbindung zwischen Bühne und Publikum ist etwas ganz Besonderes.
Deshalb halte ich es für wichtig, weiterhin in Kultur zu investieren. Eine Gesellschaft wird nicht nur durch ihre Infrastruktur geprägt, sondern auch durch ihre Kunst und Kultur. Theater, Musik und Literatur bleiben weit über ihre Entstehungszeit hinaus erhalten.
In Bayreuth sehe ich viele gute Entwicklungen. Ein umfangreiches Education-Programm, Open-Air-Konzerte oder neue Veranstaltungsformate sprechen auch jüngere Menschen an. Ich höre oft, dass zu wenige junge Besucher kommen. Diesen Eindruck teile ich nicht. Ich sehe viele junge Gesichter im Publikum und erlebe, dass inzwischen sogar die Kinder von Freunden, die früher mit ihren Eltern hier waren, heute selbst zu den Festspielen kommen.
Sie haben selbst in Bayreuth in der Kinderversion des „Parsifal“ mitgewirkt. Warum liegt Ihnen dieses Format am Herzen?
Die Kinderoper ist eine besondere Aufgabe. Vielleicht kann man damit ein Samenkorn legen, aus dem später die Begeisterung für Oper wächst. Kinder reagieren unglaublich ehrlich. Wenn sie begeistert sind, zeigen sie es.
Beim „Kinder-Parsifal“, in dem ich mitgewirkt habe, mussten wir beispielsweise Themen wie Religion oder Erotik ausklammern. Trotzdem blieb die Geschichte erhalten – mit Burgen, Rittern, Zauberern. Daraus entstand etwas Eigenes, das Kindern einen Zugang zur Oper eröffnet. Das hat mir große Freude bereitet, und ich würde sehr gern wieder in einer Kinderoper mitwirken.
Wie würden Sie Bayreuth jemandem beschreiben, der die Stadt noch nie besucht hat?
Natürlich ist Bayreuth eine Festspielstadt. Während der Saison dreht sich vieles um Richard Wagner. Gleichzeitig hat die Stadt aber weit mehr zu bieten – historische Gebäude, Museen, Parks und viele kulturelle Angebote.
Vor allem empfinde ich Bayreuth als angenehm entspannt. Im Vergleich zu manch anderem Festivalort geht es hier sehr bodenständig zu. Es gibt den roten Teppich und die großen Premieren, aber danach kehrt schnell wieder Normalität ein. Genau das gefällt mir. Man kann sich frei durch die Stadt bewegen, Menschen treffen und Kultur erleben. Diese Mischung macht für mich den besonderen Reiz aus.