BAYREUTH. Seit Beginn der Sanierungsarbeiten an dem Gebäude am Sternplatz, in dem sich über Jahre die Markgrafen Buchhandlung befand, spricht das akustische Mahnmal ohne Unterlass. Der Bewegungsmelder wird offenbar permanent ausgelöst – durch Bauarbeiten, Fahrzeuge, Bauzaun oder Materialbewegungen. Die Installation läuft in Endlosschleife.
Die Installation funktioniert unspektakulär – und gerade deshalb eindringlich. In eine Bodenplatte eingelassen, reagiert sie auf Bewegung. Wer sich im Radius von etwa vier bis fünf Metern nähert, löst eine Stimme aus.
Ein dauerhafter Betrieb war nie vorgesehen. Das Konzept lebt vom Moment der Irritation, vom plötzlichen Innehalten. Nun aber reiht sich Name an Name, Datum an Datum – ohne Pause. Ob dieser Dauerbetrieb der sensiblen Technik schadet, ist offen. Dass er sie beansprucht, liegt auf der Hand. Ein Kunstwerk, das für punktuelle Aktivierung konzipiert wurde, ist nicht für einen ununterbrochenen Einsatz ausgelegt. Die Gefahr, dass Bauteile verschleißen oder ausfallen, ist real.
Erstaunlich ist vor allem, dass sich offenbar niemand zuständig fühlt – oder dass es niemandem auffällt. Das Mahnmal spricht. Immer. Und niemand reagiert.
Der Zustand des unmittelbaren Umfelds verstärkt diesen Eindruck. Der Platz nahe der im
Boden eingelassenen Installation ist von Taubenkot verschmutzt. Auch der dort befindliche Streukasten ist in keinem guten Zustand. Sicher ist: Die Würde des Ortes leidet.
Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Installation, sondern um das zentrale Erinnerungszeichen an die jüdischen Opfer der Shoah aus Bayreuth. Der Stadtrat hatte 2020 den Grundsatzbeschluss gefasst, am Sternplatz ein akustisches Mahnmal zu errichten. Am 27. Januar 2023 wurde es der Öffentlichkeit übergeben. Entstanden ist das Projekt in enger Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth.
Der Standort ist bewusst gewählt. Hier befand sich einst das Kaufhaus Pfefferkorn – ein Ort jüdischen Lebens in der Stadt. Das Mahnmal ist kein Monument aus Stein oder Bronze. Es ist eine immaterielle, akustische Installation. Wer sich ihr nähert, löst eine Stimme aus. Sie nennt Namen, Alter, Todesdaten. Insgesamt 182 Biografien.
Der Historiker, Stadtrat und ehemalige Landtagsabgeordnete Dr. Christoph Rabenstein brachte es bei der Vorstellung auf den Punkt: „Hier wird den Opfern kein Grabstein gesetzt. Nein, sie werden lebendig.“ Etwa 40 Minuten müsse man verweilen, um alle Namen einmal zu hören. Durch die Stimme würden sie aus der Vergangenheit in das Heute geholt.
Das Mahnmal konfrontiere Passanten unvorbereitet mit dem, was nach 1945 allzu oft verdrängt worden sei. Die Konzeption zielt auf die unvermittelte Konfrontation im Alltag, auf das Hereinbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart. Der Anspruch ist hoch. Die Realität am Platz ist es derzeit weniger.