Wie lebte eine Gemeinde vor 150 Jahren? Was bewegte die Menschen – von Feuersbrünsten über Krankheiten bis hin zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen? Antworten darauf finden sich in den evangelischen Pfarrbeschreibungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Dieser einzigartige Blick in den Alltag früherer Generationen ist nun erstmals vollständig digital zugänglich – dank eines dreijährigen Großprojekts des Instituts für Fränkische Landesgeschichte (IFLG) der Universitäten Bayreuth und Bamberg.
Gemeinsam mit dem Landeskirchlichen Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und dem Digitalisierungsportal bavarikon wurden mehr als 300.000 Seiten aus rund 2.600 Gemeinden erfasst und online gestellt. Marcus Mühlnikel, Geschäftsführer des IFLG, spricht von einem „riesigen Schatz“, der nun für Forschung und Öffentlichkeit gleichermaßen offensteht. Und er betont mit einem Schmunzeln: „Es handelt sich hier nicht um trockenes bürokratisch-administratives Material, sondern um packenden Lesestoff. Der Pfarrer setzte sich auch mit dem 'moralisch-sittlichen' Zustand seiner Gemeinde auseinander; das ermöglicht uns interessante Einblicke in die Lebensverhältnisse und Milieus seiner Gemeinde.“
Was die Pfarrbeschreibungen so wertvoll macht
Besonders spannend: Die evangelischen Pfarrer mussten ihre Berichte nach einem festen Schema verfassen. Dadurch lassen sich Gemeinden über ganz Bayern hinweg gut vergleichen – ein großer Gewinn für Forschung, Heimatkundler und alle, die sich für die Geschichte ihres Ortes interessieren. Zumal die Dokumente nicht nur Kirchengeschichte erzählen, sondern das Leben in bayerischen Gemeinden in all seinen Facetten zeigen. In den Texten werden unter anderem folgende Punkte angesprochen:
* Die Geschichte der Pfarreien und ihrer Kirchenbauten
* Die Biografien der Pfarrer, aber auch der Lehrer und Gemeindemitarbeiter
* Inventare, Verwaltungsunterlagen und Pfarrbibliotheken
* Religiosität, „Sittlichkeit“, Gemeindeleben und soziale Lage
* Familienleben, Erziehung der Kinder, Freizeitgestaltung und politisches Engagement der Bevölkerung
* Unglücksfälle, Überschwemmungen, Krankheiten oder Kriege
Ein Projekt mit Signalwirkung
Das IFLG konzipierte und begleitete das Projekt wissenschaftlich, das Landeskirchliche Archiv stellte die Originalquellen bereit, bavarikon stellte die Finanzmittel bereit und übernahm die technische Umsetzung. „Mit diesem Projekt leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Öffnung historischer Quellenbestände und zur digitalen Transformation der Geisteswissenschaften“, so die Projektleitung. Mit über 210.000 Euro eingeworbenen Sondermitteln des Freistaats Bayern stärkt das IFLG zugleich die Sichtbarkeit der Universität Bayreuth im Bereich der digitalen Wissensvermittlung. Bavarikon ist die digitale Schatzkammer des Freistaats Bayern, ein Gemeinschaftsprojekt des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Staatsministeriums für Digitales. Das Onlineportal macht mit mittlerweile über 570.000 Inhalten von mehr als 200 Kultureinrichtungen das vielfältige kulturelle Erbe Bayerns weltweit kostenlos zugänglich.
Der Link zu den Pfarrbeschreibungen:
https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000007435