BAYREUTH.Wer jahrzehntelang eine Karte für die Bayreuther Festspiele ergattern wollte, brauchte vor allem eines: Geduld. Das hat sich inzwischen geändert. Mit etwas Glück öffnen sich heute auch kurzfristig die Türen zum Festspielhaus.
Im Edeka-Prospekt der letzten Juli-Woche verlost die Sektkellerei Geldermann zwei Tickets für eine Aufführung der Bayreuther Festspiele am 22. August. Auf dem Spielplan steht „Rienzi“ – in diesem Jahr erstmals und sehr wahrscheinlich einmalig im Festspielhaus zu erleben.
Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Marketingaktion wirkt, sorgt durchaus für Verwunderung. Denn kaum ein Kulturbetrieb hat seine Kartenvergabe über Jahrzehnte so streng geregelt wie die Bayreuther Festspiele.
Zu Zeiten des langjährigen Festspielleiters Wolfgang Wagner wurde jeder Verdacht auf unerlaubten Kartenhandel konsequent verfolgt. Das Ticket galt als knappes Kulturgut – und seine Vergabe als nahezu unantastbar.
Das Bild hat sich jedoch verändert. Die Nachfrage ist zwar weiterhin hoch, erreicht aber längst nicht mehr das Niveau früherer Jahrzehnte. Dank zusätzlicher Online-Sofortkäufe und einer veränderten Auslastung sind Eintrittskarten inzwischen deutlich leichter erhältlich.
Die Bayreuther Festspiele werden zu einem erheblichen Teil aus öffentlichen Mitteln von Bund, Freistaat Bayern, der Stadt Bayreuth und dem Bezirk Oberfranken, sowie von privaten Förderern finanziert. Entsprechend hoch waren und sind die Anforderungen an ein möglichst gerechtes Vergabeverfahren.
Unsere Redaktion wollte wissen, wie eine solche Verlosung zustande kam und ob sie mit den Grundsätzen der Festspiele vereinbar ist.
Nach Angaben der Festspielleitung stammt die Initiative ausschließlich von Geldermann. Jeder Sponsor erhalte im Rahmen seines Engagements ein zusätzliches, kostenpflichtiges Kartenkontingent, das zu regulären Eintrittspreisen erworben werde. Über dieses Kontingent könnten die Unternehmen frei verfügen. Erst durch die aktuelle Verlosung wurde öffentlich deutlich, dass Unternehmen im Rahmen ihrer Sponsoringverträge über eigene, zusätzlich erworbene Eintrittskarten verfügen können.
Die Festspiele betonen zudem, dass sich die Aktion nahtlos in die geltenden Vergaberichtlinien einfüge. Die verlosten Karten würden – wie sämtliche Eintrittskarten – erst nach der Ermittlung der Gewinner personalisiert. Ein Weiterverkauf zu überhöhten Preisen sei dadurch ausgeschlossen.
Dass eine solche Verlosung überhaupt Fragen aufwirft, hat mit der Geschichte der Bayreuther Kartenvergabe zu tun. Über Jahrzehnte galten Eintrittskarten als nahezu unerreichbar. Wartezeiten von fünf oder sechs Jahren waren keine Seltenheit. Vor dem Festspielhaus standen regelmäßig Besucher mit Schildern wie „Karte gesucht“, während sich gleichzeitig ein lukrativer Schwarzmarkt entwickelte.
Vor allem unter der Leitung von Wolfgang Wagner wurde jeder Verdacht auf unerlaubten Kartenhandel konsequent verfolgt. Die Vergabe sollte möglichst gerecht erfolgen und jede Form persönlicher Vorteilnahme vermeiden.
Formal ist die Verlosung damit kaum angreifbar. Dennoch wirft die Aktion eine grundsätzliche Frage auf: Verändert sich mit solchen Marketingaktionen auch das Bild der Bayreuther Festspiele? Noch vor wenigen Jahren wäre die Vorstellung, Festspielkarten im Prospekt eines Supermarkts zu gewinnen, wohl kaum denkbar gewesen. Heute zeigt die Aktion vor allem eines: Der exklusive Nimbus der Eintrittskarte ist längst nicht mehr derselbe wie zu den Zeiten, als Wagner-Fans jahrelang auf ihre Chance warten mussten.