BAYREUTH.Seit dem 23. Juni 1986 finden Frauen und ihre Kinder im Bayreuther Frauenhaus Zuflucht vor Gewalt. Die Einrichtung bietet Platz für zehn Frauen und 16 Kinder. Im Interview spricht Frauenhausleiterin Lara Erben über die Entwicklung der Einrichtung, aktuelle Herausforderungen und darüber, warum es wichtig ist, betroffenen Frauen Mut zu machen.
Wie hat sich das Frauenhaus Bayreuth in den vergangenen 40 Jahren verändert?
Lara Erben://In den vergangenen 40 Jahren hat sich das Frauenhaus Bayreuth in vielerlei Hinsicht verändert. Das Thema häusliche Gewalt ist in der Gesellschaft sichtbarer geworden, und die Notwendigkeit von Frauenhäusern als Schutzräume wird zunehmend verstanden. Der Schutz von Frauen und Kindern wird heute ernster genommen, und die Folgen häuslicher Gewalt werden stärker wahrgenommen. Dadurch haben sich auch die Unterstützung der Betroffenen und die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, Beratungsstellen und Behörden deutlich verbessert. Dennoch besteht weiterhin Entwicklungspotenzial, insbesondere darin, das Thema häusliche Gewalt noch stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken und das gesellschaftliche Bewusstsein dafür zu fördern.
Eine weitere Veränderung ist die längere Aufenthaltsdauer der Frauen und Kinder im Frauenhaus. Vor allem der angespannte Wohnungsmarkt erschwert es ihnen, eine eigene Wohnung zu finden. Gleichzeitig ist die Rückkehr in gewaltgeprägte Beziehungen seltener geworden. Früher lag ein stärkerer Schwerpunkt auf Konfliktmanagement und Eheberatung, mit dem Ziel, eine Rückkehr der Frauen in die Partnerschaft zu ermöglichen. Heute stehen der Schutz der Frauen, ihre Sicherheit und die Entwicklung einer selbstbestimmten Zukunft mit einer eigenen Wohnung stärker im Mittelpunkt.
Was sind heute die größten Herausforderungen für das Frauenhaus?
Lara Erben://Eine der größten Herausforderungen besteht darin, dass die Fälle heutzutage oft sehr komplex sind. Viele Frauen und Kinder haben Schlimmes erlebt und waren häufig mehreren Formen von Gewalt gleichzeitig ausgesetzt. Deshalb braucht es eine intensive und individuelle Begleitung. Die Gewalterfahrungen und erlernten Überlebensmuster sind nicht einfach vergessen und können auch nicht sofort abgelegt werden, wenn die Frauen im Frauenhaus ankommen. Oft haben sie über viele Jahre hinweg oder sogar ihr ganzes Leben lang Gewalt erlebt. Diese Erlebnisse hinterlassen tiefe Spuren. Es braucht viel Zeit, Unterstützung und Sicherheit, um das Erlebte aufzuarbeiten und einen Weg zu finden, mit den Erfahrungen leben zu können.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, zeitnah Therapieplätze zu finden. Viele Frauen und Kinder benötigen aufgrund ihrer Gewalterfahrungen dringend psychotherapeutische Unterstützung. Allerdings sind Therapieplätze häufig mit langen Wartezeiten verbunden, sodass die Betroffenen nicht immer die Hilfe erhalten, die sie eigentlich bräuchten. Gerade bei schweren und langjährigen Gewalterfahrungen ist eine professionelle therapeutische Begleitung besonders wichtig.
Auch die Finanzierung stellt eine Herausforderung dar. Ab dem 1. Januar 2027 übernimmt der Freistaat Bayern im Rahmen des bundesweiten Gewalthilfegesetzes die gesetzliche Verantwortung für eine angemessene Finanzierung der Frauenhäuser und Fachberatungsstellen. Dennoch bleibt abzuwarten, in welchem Umfang dadurch alle anfallenden Kosten und individuellen Unterstützungsbedarfe abgedeckt werden. Manche Frauen kommen mit ihren Kindern völlig mittellos im Frauenhaus an und besitzen außer den Kleidungsstücken, die sie tragen, kaum etwas. Teilweise haben sie nicht einmal Zugang zu einem eigenen Bankkonto. In solchen Situationen sind Spenden besonders wichtig, um die grundlegenden Bedürfnisse der Frauen und Kinder zu decken und ihnen schnell und unkompliziert zu helfen.
Was möchten Sie Frauen sagen, die von Gewalt betroffen sind?
Lara Erben://Das ist eine sehr wichtige und zugleich emotionale Frage für mich. Ich möchte jeder Frau, die von Gewalt betroffen ist, vor allem eines sagen: Du bist nicht allein. Wir hören dir zu, wir glauben dir und wir begleiten dich auf deinem Weg. Kein Mensch hat es verdient, geschlagen, erniedrigt oder auf irgendeine andere Weise Gewalt ausgesetzt zu sein. Und ganz wichtig: Du bist niemals selbst schuld an der Gewalt, die dir angetan wird.
Ich kann mir vorstellen, dass der Gedanke, eine gewaltvolle Beziehung zu verlassen, unglaublich schwer sein kann. Besonders dann, wenn Kinder mit im Spiel sind. Viele Frauen machen sich Vorwürfe, weil sie ihre Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld herausnehmen müssen. Sie fragen sich, wie es weitergehen soll, wohin sie gehen können und wie sie ihr Leben ohne den Partner bewältigen sollen. Oft kommt noch eine finanzielle Abhängigkeit hinzu, und die Zukunft erscheint völlig ungewiss. All diese Ängste und Zweifel sind verständlich. Deshalb möchte ich jeder Frau Mut machen, sich Hilfe zu holen. Der erste Schritt ist oft der schwerste, aber niemand muss ihn allein gehen.
Ich habe größten Respekt vor jeder Frau, die den Mut aufbringt, sich jemandem anzuvertrauen und Hilfe anzunehmen. Es macht mich unglaublich stolz, zu sehen, wenn Frauen beginnen, ihren eigenen Weg zu gehen. Dabei muss es nicht immer der Schritt ins Frauenhaus sein. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten und individuelle Lösungen. Wichtig ist, dass jede Frau weiß, dass sie Unterstützung bekommen kann und dass es Menschen gibt, die ihr zuhören und sie ernst nehmen.
Ich möchte jeder Frau mit auf den Weg geben: Du bist stärker, als du vielleicht gerade glaubst. Du hast keine Schuld an dem, was dir passiert ist. Du hast ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt, auf Sicherheit und darauf, selbst über dein Leben zu bestimmen. Trau dich, Hilfe zu suchen. Du musst noch nicht wissen, wie alles weitergeht. Es reicht, den ersten Schritt zu machen. Wir sind da, wir glauben dir und wir gehen diesen Weg gemeinsam mit dir.
Was hat sich beim Schutz von Frauen in den letzten 40 Jahren verbessert?
Lara Erben://Beim Schutz von Frauen gab es in den letzten Jahren einige wichtige Meilensteine: 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland ausdrücklich unter Strafe gestellt. Mit dem Gewaltschutzgesetz, das 2002 in Kraft trat, wurden die rechtlichen Möglichkeiten zum Schutz Betroffener erweitert, beispielsweise durch Kontakt- und Näherungsverbote. 2018 trat die Istanbul-Konvention in Deutschland in Kraft, die den Schutz von Frauen vor Gewalt stärken soll. Ein weiterer wichtiger Schritt war die Verabschiedung des Gewalthilfegesetzes im Jahr 2025. Es schafft die Grundlage für ein verlässlicheres Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Ab 2032 haben Betroffene einen gesetzlichen Anspruch auf Schutz und Beratung. Diese Entwicklungen zeigen, dass bereits viel erreicht wurde, es aber weiterhin wichtig ist, Frauen und Kinder wirksam vor Gewalt zu schützen und ihnen die notwendige Unterstützung zu ermöglichen.
Was bedeutet Ihnen persönlich die Arbeit im Frauenhaus Bayreuth?
Lara Erben:// Mir persönlich bedeutet die Arbeit im Frauenhaus unglaublich viel, weil sie für mich eine besonders sinnvolle und erfüllende Aufgabe ist. Natürlich ist sie manchmal auch kräftezehrend und emotional herausfordernd. Aber es ist umso schöner, zu sehen, wie Frauen und Kinder bei uns ankommen, langsam wieder Vertrauen fassen, neue Kraft schöpfen und schließlich in ihre eigene Wohnung und einen neuen Lebensabschnitt aufbrechen.
Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Frauenhauses in Bayreuth blicken wir besonders auf die 2.371 Frauen und 2.654 Kinder zurück, die den Mut und die Stärke aufgebracht haben, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen und den Schritt in ein neues Leben zu wagen. Ihre Geschichten berühren mich sehr. Dass viele trotz allem Hoffnung bewahren und wieder Liebe und Vertrauen zulassen können, zeigt eine unglaubliche Stärke.
Ich möchte den Frauen und Kindern mit viel Einfühlungsvermögen begegnen, ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Mir ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass ihre Geschichte sie nicht allein definiert. Denn auch nach schweren Erfahrungen kann ein neuer Lebensabschnitt beginnen, der wieder Platz für Glück, Vertrauen und schöne Momente bietet.