Kaum haben sich die Türen des Festspielhauses geschlossen, übernimmt in Bayreuth ein völlig anderes Musikgenre die Bühne. Von Freitag, 04. bis Sonntag, 13. September bringt Bayreuth Baroque Opern und Konzerte an verschiedene Spielorte der Stadt. Der Auftakt gehört Georg Friedrich Händels „Floridante“ im Markgräflichen Opernhaus. Festivalleiter Max Emanuel Cencic führt Regie, die musikalische Leitung übernimmt Markellos Chryssikos.
„Floridante“ verspricht dabei weit mehr als historische Opern-romantik. Max Emanuel Cencic beschreibt das Werk als „Barock-Thriller“. Im Mittelpunkt stehen Macht, Intrigen und Machtmissbrauch. Händel zeigt, wie politische Macht eingesetzt und für persönliche Interessen missbraucht wird. Ein Thema, das auch in anderen Opern des Komponisten wie „Tamerlano“, „Ezio“ oder „Ariodante“ auftaucht. Gerade diese Auseinandersetzung mit Machtstrukturen macht „Floridante“ für Max Emanuel Cencic erstaunlich modern.
Auffällig ist auch die Besetzung: Gleich drei Countertenöre stehen in diesem Jahr bei Bayreuth Baroque auf der Bühne. Die hohe männliche Stimme gehört eng zur Klangwelt der Barockoper. Countertenöre singen dabei in einer Stimmlage, die dem Alt oder Mezzosopran entspricht. „Die männlichen Sopranisten sind ein Markenzeichen des Barock“, sagt Cencic. Für Bayreuth Baroque sei es deshalb naheliegend, diese besondere Stimmtradition sichtbar und vor allem hörbar zu machen.
Am Samstag, 05. September, geht es in der Schlosskirche mit „Chaos und Ordnung“ weiter. Am Abend steht im Markgräflichen Opernhaus „Handel’s Nature“ auf dem Programm. Countertenor Christophe Dumaux tritt gemeinsam mit Les Accents auf. Den Tag beschließt ein Galadinner auf Schloss Birken.
Auch an den folgenden Festivaltagen setzt Bayreuth Baroque auf die Mischung aus großen Namen und musikalischen Entdeckungen. Zu den Gästen gehören unter anderem Julia Lezhneva, Andreas Scholl und Emőke Baráth. Gespielt wird nicht nur im Markgräflichen Opernhaus, sondern auch im Friedrichsforum und in der Eremitage.
Barockmusik und ihr Publikum
Barockmusik ist kein Mainstream. Namen wie Händel, Cavalli oder Porpora sind einem deutlich kleineren Publikum vertraut als Richard Wagner. Trotzdem hat sich Bayreuth Baroque seit der Gründung 2020 etabliert. Im vergangenen Jahr kamen an elf Festivaltagen rund 5000 Besucher zu 20 Veranstaltungen.
Für Max Emanuel Cencic ist die Größe des Festivals dabei nicht das entscheidende Maß. „Wichtig ist, dass wir ausverkauft sind, dass die Menschen kommen und dass wir weiterhin auf einem sehr hohen Niveau produzieren“, sagt der Künstlerische Leiter. Die Entwicklung lässt sich dennoch an den Zahlen ablesen: 2020 startete das Festival mit drei Opernvorstellungen, inzwischen sind es sechs.
Das Konzept setzt dabei auf mehr als bekannte Namen. Bayreuth Baroque holt selten gespielte Werke auf die Bühne und orientiert sich an der historischen Aufführungspraxis. Für das Publikum bedeutet das: Es gibt viel zu entdecken – Musik, die selbst erfahrene Konzertgänger nicht unbedingt aus dem üblichen Spielplan kennen.
Auch deshalb versteht Max Emanuel Cencic das Festival nicht als Veranstaltung für ein spezialisiertes Publikum: „Wir laden bewusst nicht nur große Stars ein, sondern auch Sängerinnen und Sänger, die noch weniger bekannt sind.“ Gerade diese Künstler verdienten Aufmerksamkeit. Die Konzerte seien kurzweilig, interessant und zudem günstiger als viele große Produktionen.
Eine Kristallkugel für die kommenden fünf oder zehn Jahre hat Cencic allerdings nicht, sagt er. Klar ist für ihn sei nur, dass Bayreuth Baroque sich weiterentwickelt – ohne dabei den Anspruch an die Qualität aus den Augen zu verlieren.
Wenn auf dem Grünen Hügel der letzte Vorhang fällt, ist die Saison für die Stadt also noch lange nicht vorbei. Nach den Richard Wagner-Festspielen ist vor Bayreuth Baroque.