Im Jahr 2026 begehen die Bayreuther Festspiele ihr 150-jähriges Bestehen – und setzen dabei ein historisches Zeichen: Richard Wagners Frühwerk „Rienzi“, das am 20. Oktober 1842 im Könioglich Sächsischn Hoftheaters in Dresden uraufgeführt wurde, wird erstmals im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel im Rahmen des offiziellen Programms aufgeführt. Diese Entscheidung gilt als kulturhistorische Besonderheit, denn das Werk war bislang nicht Teil des Bayreuther Aufführungskanons.
Der Richard-Wagner-Verband Bayreuth nimmt dieses außergewöhnliche Ereignis zum Anlass, bereits im Vorfeld zu einer öffentlichen Vortragsveranstaltung einzuladen. Als Referent konnte Markus Kiesel, Dramaturg der neuen Bayreuther „Rienzi“-Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, gewonnen werden.
Unter der Überschrift „Rienzi – Ein Bayreuther Debüt“ widmet sich Kiesel der bewegten Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte dieser Oper, die bis heute zu den rätselhaftesten Werken Richard Wagners zählt. Schon Siegfried Wagner bemerkte 1930 mit Blick auf das Werk: „Ach ja, der Rienzi! – Gern tät’ ich den mal bringen!“ – doch fehlende autorisierte Fassungen und die komplizierte Quellenlage verhinderten über Jahrzehnte hinweg eine Aufführung in Bayreuth.
Die Originalpartitur gilt als verschollen, vollständiges Aufführungsmaterial der Uraufführung existiert nicht. Verschiedene Bearbeitungen – unter anderem durch Cosima Wagner (1899) und Wieland Wagner (1954) – prägten die Rezeptionsgeschichte, ohne eine verbindliche Werkgestalt zu schaffen. So kennt man „Rienzi“ meist nur dem Titel nach oder in stark gekürzten Fassungen. Gerade diese offene Materiallage macht die nun entstehende Bayreuther Fassung zu einem musikhistorisch bedeutenden Unterfangen.
Der Vortrag beleuchtet die gattungsgeschichtliche Sonderstellung des Werkes zwischen Grand Opéra, Frühwerk und eigenständigem Musikdrama. Welche Vorbilder inspirierten Wagner? Welche kompositorischen Strategien verfolgte er? Welche Überlieferungsschichten liegen vor – und was könnte eine „gültige“ Fassung für Bayreuth 2026 bedeuten? Markus Kiesel wird dabei nicht nur musikwissenschaftliche Einblicke geben, sondern auch aus der aktuellen dramaturgischen Arbeit berichten. Ziel ist es, „Rienzi“ als eigenständiges Meisterwerk neu zu betrachten – ein Werk, das selbst dann einen festen Platz in der europäischen Operngeschichte beanspruchen könnte, wenn Wagner nichts anderes geschrieben hätte.
Der Vortragende
Markus Kiesel ist Musikwissenschaftler und Kulturmanager. Er studierte in Heidelberg und in den USA und promovierte 1992 über Siegfried Wagner. Engagements führten ihn unter anderem als Regieassistent, Dramaturg und Operndirektor an zahlreiche deutsche Bühnen. Von 2015 bis 2021 war er Leiter der Programmplanung des Beethovenfests Bonn. Zudem hatte er Lehraufträge an mehreren Universitäten im In- und Ausland inne und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zu Musik- und Bühnenrecht sowie zu Richard Wagner. Seit 2022 arbeitet er dramaturgisch für die Bayreuther Festspiele.
Info:
Datum: 27. Februar 2026 Uhrzeit: 19:00 Uhr Ort: Liszt-Saal der Städtischen Musikschule Bayreuth Brandenburger Straße 15, 95448 Bayreuth Tickets: gibt es nur an der Abendkasse Eintritt: 15 Euro (Mitglieder RWV: Bayreuth 10 Euro); für Schülerinnen und Schüler der Städtischen Musikschule Bayreuth sowie des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums Bayreuth ist der Eintritt frei.
„Ach ja, der Rienzi! – Gern tät‘ ich den mal bringen! [...] Das Haupthemmnis für uns: Es gibt keine authentischen Striche in den Partituren! [...] Nun aber die Frage: Was soll gestrichen werden? – Mein Vater hat ganz verschiedene Striche angegeben für die verschiedenen Bühnen. [...] Welche Striche sollen wir in Bayreuth machen? Welche wären wohl am ehesten im Sinne meines Vaters? [...] Meine Mutter [...] hat in den 1890er Jahren [...] eine Bearbeitung des Werkes unternommen. [...] Mit klug überlegten Kürzungen. [...] Ich weiß nicht, ob dies das stilgemäß richtige war.“, so SIegfried Wagner noch 1930. Die grundsätzliche Problematik einer autorisierten Fassung blieb also auch für die Nachfahren Wagners und damit für das Bayreuther Unternehmen selbst bestehen. Denn Wagners Originalpartitur des Rienzi ist verschollen. Es existiert auch keine Abschrift oder ein vollständiges Aufführungsmaterial der Uraufführung. Am Ende meint also jeder, den Rienzi zu kennen: Aber eben nur den Titel oder in einer bearbeiteten Fassung, denn das zugrundeliegende Werk ist bis heute in einer finalen Werkgestalt nicht bekannt. Dennoch ist der Rienzi trotz
dieser unübersichtlichen Materiallage eine vollwertige Oper, die sich sowohl Wagners eigenen Ansprüchen an den Begriff „Werk“ genauso verweigert wie auch einer eindeutigen gattungsspezifischen Zuordnung. Rienzi ist weder eine Grand‘ Opéra noch eine „Jugendsünde“. Die Bayreuther Fassung leisten also 2026 das längst Fällige. Der Rienzi hat es verdient, seinen Platz in den Bayreuther Kanon der Werke „ab dem Fliegenden Holländer“ einzunehmen. Denn auch die zehn Werke des sogenannten ‚Bayreuther Kanons‘ basieren ja weder auf einem Testament noch auf maßgebliche Formulierungen in der Stiftungsurkunde der Richard-Wagner-Stiftung-Bayreuth, sondern ausschließlich auf Briefstellen Wagners an König Ludwig II. von Bayern aus dem Jahre 1882.
Selbst wenn Wagner nur den Rienzi geschrieben hätte, ist die Oper ein einzigartiges Meisterwerk sui generis, das auch ohne die Autorenschaft des späteren Bayreuther Meisters seinen Platz in der Gattungsgeschichte des europäischen Musiktheaters gefunden hätte.
27.02.2026 - Rienzi – Ein Bayreuther Debut
19:00 Uhr, Liszt-Saal der Städtischen Musikschule, Brandenburger Str. 15, 95448 Bayreuth
Rienzi – ein Bayreuther Debut
„Ach ja, der Rienzi! – Gern tät‘ ich den ‘mal bringen“, so Siegfried Wagner 1930. Aber erst im Sommer 2026 wird es so weit sein, dass die Bayreuther Festspiele den Rienzi ins Programm nehmen. Seit Herbst 2023 schon arbeitet das Team an einer Fassung für diese Erstaufführung, die diese „Materialschlacht“ in eine Form zu bringen versucht. Der Vortrag wird versuchen, diesem gattungsgeschichtlichen Hybrid näher zu kommen. Welche Vorbilder standen für Wagner Pate? Welche Strategien verfolgte Wagner bei der Konzeption und Komposition? Was hat Wagner komponiert, - aber was hat er sich gedacht? Welche Überlieferungsschichten und welche Rezeptionsgeschichten – neben den beiden ‚dynastischen' Fassungen (Cosima Wagner, 1899; Wieland Wagner, 1954) – liegen vor? Was wäre also eine ‚gültige' Fassung – auch für Bayreuth 2026?
Zum Vortragenden
Markus Kiesel ist Musikwissenschaftler und Kulturmanager. Studium in Heidelberg und den USA. 1992 Promotion über Siegfried Wagner. Engagements als Regieassistent, Dramaturg, Chefdisponent, Betriebs-, Orchester- und Operndirektor an den Theatern von Freiburg, Kassel, Frankfurt, Cottbus, Dortmund, Wiesbaden, Ludwigsburg (Schlossfestspiele) und Essen. 2015 - 2021 Leiter der Programmplanung beim Beethovenfest Bonn (Int. Nike Wagner). Lehraufträge in Bayreuth, Berlin, Frankfurt, Heidelberg, München, Wien und Zürich. Von 2013 bis 2015 Mitglied des „Wahnfried-
Kuratoriums” in Bayreuth. Zahlreiche Publikationen zu Bühnen- und Musikrecht und zu Richard Wagner. Bis 2025 Mitglied in verschiedenen Gremien der Richard-Wagner-Stiftung-Bayreuth. Seit 2022 dramaturgische Mitarbeit bei und für die Bayreuther Festspiele.
Tickets
Karten sind ausschließlich an der Abendkasse erhältlich. Eintritt: 15,00 € Mitglieder des Richard-Wagner-Verband Bayreuth:10,00 € Eintritt frei für Schülerinnen und Schüler der Städtischen Musikschule Bayreuth und des Markgräfin Wilhelmine Gymnasiums Bayreuth.