Veröffentlicht am 12.06.2026 11:56

Christof Seidel: Bad Bernecks Bürgermeister setzt auf Tourismus, Gesundheit und 25-Millionen-Ölschnitzufer-Projekt

Foto: jm
Foto: jm
Foto: jm
Foto: jm
Foto: jm

Christof Seidel ist Ur-Bad Bernecker – und seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Diese persönliche Nähe war für ihn einer der entscheidenden Beweggründe, sich um das Bürgermeisteramt zu bewerben. „Bad Berneck liegt mir sehr am Herzen – nicht nur als Stadt, sondern auch mit Blick auf ihre Entwicklung und die vielen Potenziale, die noch stärker genutzt werden können“, sagt Seidel.

Sein beruflicher Weg führte ihn zunächst über den zweiten Bildungsweg. An der Berufsoberschule holte er das Abitur nach, anschließend studierte er Architektur. Nach ersten Stationen in einem Architekturbüro absolvierte er die Ausbildung für die dritte Qualifikationsebene im gehobenen technischen Dienst. Tätig war er unter anderem an den Staatlichen Bauämtern in Nürnberg und Ansbach, später über 15 Jahre am Staatlichen Bauamt Bayreuth. Dort war er als Sachgebietsleiter vor allem für die Universität Bayreuth zuständig und betreute große Bauvorhaben in den Bereichen Forschung, Entwicklung, Sanierung und Neubau.

Diese Erfahrung kommt ihm heute im Rathaus zugute. „Projektleitung bedeutet oft, viele unterschiedliche Akteure zusammenzuführen und auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören“, sagt Seidel. Genau das sei auch in der Kommunalpolitik gefragt. Die Entscheidung zur Kandidatur sei im vergangenen Spätherbst gefallen. Bereut habe er diesen Schritt nicht.

Ganz neu ist ihm die Stadtpolitik ohnehin nicht. Zwölf Jahre gehörte Seidel bereits dem Stadtrat an. Auch das Rathaus war ihm früh vertraut: Sein Vater war Stadtkämmerer, und Seidel erinnert sich daran, schon als Kind dort gewesen zu sein. Den Weg in die Kämmerei wollte er dennoch nie einschlagen. „Ich bin eher der praktische und bauliche Mensch“, sagt er. Als Bürgermeister brauche man genau diese Fähigkeit: Dinge pragmatisch anzugehen, Lösungen zu finden, Menschen zusammenzubringen und dabei eine klare Linie zu behalten.

Bad Berneck sieht Seidel gut aufgestellt, auch wenn es viel zu tun gibt. Die ärztliche Versorgung sei für die Ortsgröße überdurchschnittlich gut, die Nahversorgung stabil. Besonders wichtig ist ihm die Realisierung des Edeka-Marktes. Bereits in der vergangenen Stadtratsperiode habe er sich als Baureferent dafür eingesetzt, dass der Markt ortsnah bleibt. „Mir war wichtig, dass der Edeka nicht Richtung Bischofsgrün oder Aldi absiedelt, sondern für die Oberstadt erreichbar bleibt“, sagt Seidel.

Auch im Bereich Schule und Kinderbetreuung sieht er eine solide Grundlage. Bad Berneck verfüge über eine Mittelschule und Betreuungsangebote, die weiter ausgebaut und verbessert werden sollen. Hinzu komme die besondere Lage der Stadt. Bad Berneck ist von sieben Bergen umgeben, besitzt ein umfangreiches Wanderwegenetz und einen Kurpark, der sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt hat. Die sonntäglichen Kurkonzerte böten ein breites musikalisches Spektrum – von Jazz über Rock bis Pop – und würden längst auch überörtlich wahrgenommen.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Burgenlandschaft. Das Burgenfest habe erst vor Kurzem wieder gezeigt, welches Potenzial in diesem historischen Erbe steckt. Mit dem neu initiierten Wanderweg werde dieses Angebot weiter gestärkt. Dabei setzt Seidel auf die örtlichen Akteure aus Tourismus, Fremdenverkehr und Gesundheitswesen. „Wir müssen diese Anbieter wieder stärker einbinden und gemeinsam vorangehen“, betont er.

Besonders am Herzen liegt ihm der Gesundheitsstandort Bad Berneck. Dieser solle nicht nur erhalten bleiben, sondern sich weiterentwickeln – möglicherweise sogar neu erfinden. Die Kneipp-Kur müsse neu gedacht und zeitgemäß aufgestellt werden. Mit Tobias Herrmannsdörfer vom Therapieloft im Fichtelgebirge sieht Seidel einen wichtigen externen Akteur an der Seite der Stadt. Herrmannsdörfer bringe immer wieder internationale Sportler nach Bad Berneck. Auch Themen wie Langlebigkeit, Prävention und die Frage, wie Menschen möglichst lange fit und gesund bleiben können, will Seidel stärker in den Blick nehmen.

Neben Tourismus und Gesundheit verweist der Bürgermeister auf die wirtschaftliche Bedeutung des Standorts. Früher habe Bad Berneck bei der Gewerbesteuer landkreisweit weit vorne gelegen. In den 1970er Jahren habe es vor Ort deutlich mehr Arbeitsplätze gegeben, als durch die eigene Bevölkerung besetzt werden konnten. Busse hätten damals Beschäftigte aus dem halben Fichtelgebirge nach Bad Berneck gebracht. Viele dieser Betriebe gebe es heute nicht mehr. Dennoch habe sich die Stadt gewerblich in den vergangenen Jahren stabilisiert. „Wir haben starke Akteure im Ort und wichtige Gewerbesteuereinnahmen, die weiterhin gestärkt werden sollen“, sagt Seidel.

Bad Berneck müsse innerhalb des Mittelzentrums mit Gefrees und Himmelkron klarer positioniert werden. Auch die Nähe zur Autobahn solle besser beworben werden, um höherwertige Nutzungen in die Stadt zu holen. Große Gewerbeflächen stünden zwar nicht zur Verfügung, dafür gebe es Leerstände, die gemeinsam mit Eigentümern und überörtlichen Partnern aktiviert werden könnten.

In diesem Zusammenhang setzt die Stadt auch Hoffnungen auf das Regionale Innovationszentrum, kurz RIZ. Bad Berneck hat sich als Außenstelle beworben, eingebracht wurde das Kurhaus. Dieses habe Verbesserungspotenzial und brauche mittelfristig eine tragfähige Lösung. Sollte die Bewerbung erfolgreich sein, wäre dies eine große Chance für Bad Berneck.

Trotz angespannter Finanzen bleibt Seidel zuversichtlich. In Bad Berneck gebe es ein Motto, das er in seinen Jahren im Stadtrat gelernt habe: „Wenn etwas nicht klappt, schütteln wir uns – und dann geht es weiter.“ Die Stadt müsse seit Jahren auf ihr Geld achten. Zwar sei die Lage zuletzt etwas entspannter gewesen, nun werde sie wieder schwieriger. Dennoch sieht Seidel Chancen, Bad Berneck touristisch, wirtschaftlich und als Wohnstandort stärker nach außen zu tragen.

Gerade beim Wohnen erkennt er Potenzial. In den vergangenen Jahren seien Menschen aus Bayreuth nach Bad Berneck gezogen, weil Immobilien und Grundstücke hier noch bezahlbarer seien. Da Bad Berneck Sanierungsgebiet ist, seien steuerliche Abschreibungen und weitere Fördermöglichkeiten möglich. Diese Vorteile wolle die Stadt stärker kommunizieren.

Auch eine Nachverdichtung am Kreuzersweiher ist geplant. Große Neubaugebiete sieht Seidel dagegen kritisch. „Die Zeit der großflächigen Ausweisungen wird irgendwann vorbei sein. Wir müssen stärker nachverdichten und mit bestehenden Immobilien arbeiten“, sagt er. Die Arbeit der vergangenen Jahre habe Bad Berneck bereits ein neues Image gegeben – vor allem durch viele kleinere Maßnahmen.

Ein wichtiger Baustein im touristischen Angebot ist der Thiesenring. Der Rundweg führt um die Altstadt, umfasst rund zehn Kilometer und etwa 600 Höhenmeter. Wer nicht die gesamte Strecke gehen möchte, kann zwischendurch in die Altstadt absteigen, Gastronomie besuchen und später weiterwandern. „Der Thiesenring ist ein enormes Potenzial für Bad Berneck“, sagt Seidel. Auch er selbst sei dort gerne unterwegs und treffe regelmäßig andere Wanderer.

Am 24. Juli soll erneut der Thiesenring Trail Run stattfinden, eine Veranstaltung von Tobias Herrmannsdörfer. Es sei gelungen, Menschen aus der Trailrunning-Szene nach Bad Berneck zu holen. Vor zwei Jahren seien mehr als 70 Starter dabei gewesen, darunter auch sehr ambitionierte Läufer. Der schnellste Teilnehmer habe die Strecke damals in rund 45 Minuten bewältigt. In diesem Jahr soll die Veranstaltung größer werden, auch ein Bambinilauf ist geplant.

Für Familien bietet Bad Berneck unter anderem den Naturlehrpfad im Ölschnitztal. Entlang des Weges und in Richtung Kurpark informieren Schilder über Tiere und Natur. Viele Familien verbinden die Runde mit einem Besuch des Spielplatzes im Kurpark. Hinzu kommen die sogenannten „Silent Points“, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, sowie der Burgenweg Bad Berneck. Dieser informiert über die historischen Anlagen und entstand in Zusammenarbeit mit dem Förderverein für historische Stätten e.V. und dem Fichtelgebirgsverein. Beide Vereine bringen sich laut Seidel stark in die Stadt ein.

Besonders prägend sind auch die beiden Parkanlagen: der Kurpark und der Dendrologische Garten. Dort befindet sich unter anderem der Eingang zu einem ehemaligen Bergwerk, in dem Alexander von Humboldt einst eine Lampe (Lichthalter) ausprobierte und dabei beinahe ums Leben kam. Der Dendrologische Garten müsse an einigen Stellen wieder aufgewertet werden, etwa durch Arbeiten des Bauhofs und kleinere gestalterische Verbesserungen. Dennoch sei er zusammen mit dem Kurpark ein besonderes Merkmal der Stadt.

Seidels Ziel ist es, diese Stärken bekannter zu machen und daraus mehr Wertschöpfung zu erzeugen. Der Tourismus dürfe nicht nur Kosten verursachen, sondern müsse auch Einnahmen bringen. Viele Angebote seien nur möglich, weil sie auf großem ehrenamtlichem Engagement beruhen. Die Übernachtungszahlen sollen steigen. Zwar rechnet Seidel nicht damit, dass Gäste wieder zwei Wochen Urlaub in Bad Berneck verbringen. Realistisch seien aber verlängerte Wochenenden, kurze Auszeiten oder Aufenthalte von einigen Tagen. Dafür biete Bad Berneck gute Unterkunftsmöglichkeiten, Ruhe, Natur und Wandermöglichkeiten.

Auch Radfahrer sollen stärker angesprochen werden. Bad Berneck liegt am Bayerisch-Böhmischen Bäderradweg, zudem starten von hier Mountainbike-Trails ins Fichtelgebirge. Seidel würde sich wünschen, dass auch die Gastronomie diesen Bereich noch stärker aufgreift. Ein persönlicher Traum sei ein kleines Radfahrerhotel. Die Radwegeanbindung Richtung Bayreuth sieht er allerdings noch nicht optimal. Einen Radweg entlang der ehemaligen B2 werde es kurzfristig nicht geben, Verbesserungen seien aber weiter ein Thema.

Einen entscheidenden Impuls für die Oberstadt erwartet Seidel durch die Realisierung des Ölschnitzufers. Das Großprojekt beschäftigt Bad Berneck seit vielen Jahren, die Ursprünge reichen bis 2008 oder 2009 zurück. Im Zuge notwendiger Arbeiten müssen rund 600 Meter Kanal, Wasserleitungen und weitere Infrastruktur erneuert werden. Untersuchungen hatten gezeigt, dass die Kanäle saniert werden müssen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ein Eingriff in die bestehende Bruchsteinmauer problematisch wäre, weil diese ins Wasser stürzen und gegenüberliegende Häuser gefährden könnte.

Hinzu kommt der Hochwasserschutz. Die neue Lösung sieht vor, diesen über die Mauer zu gewährleisten, ohne den Querschnitt des Flussbetts einzuengen. Dafür müssen vom Kurparkeingang bis zum Hotel Bube rund 600 bis 700 Bohrpfähle eingebracht werden. Bereits 2012 und 2013 gab es entsprechende Planungen.

Nun soll die Maßnahme weiter vorangebracht werden. Die Bohrpfähle sollen sichtbar bleiben, aber nicht wie einzelne Säulen wirken, sondern sich gestalterisch in die Wand einfügen. Geplant ist ein eigens für den Flusslauf entwickeltes Geländerdesign. Seidel erwartet davon einen starken Impuls für die Oberstadt. Gleichzeitig spricht er von einer enormen Herausforderung für Rathaus, Verwaltung und Bürgerschaft. „Das wird vermutlich die größte Baustelle, die Bad Berneck bisher hatte“, sagt er. Dennoch führe kein Weg daran vorbei, weil Kanalsanierung und Hochwasserschutz angegangen werden müssten.

Der aktuelle Investitionsrahmen liegt bei rund 25 Millionen Euro. Die Abstimmungen mit möglichen Fördergebern laufen laut Seidel gut. Frühere Förderzusagen sollen möglichst wieder erreicht und gesichert werden. Im Ort gebe es Menschen, die auf den Start des Projekts warteten, weil sie dann selbst investieren wollten. Die Maßnahme werde die Stadt in den kommenden sechs Jahren stark begleiten.

Das bedeute aber nicht, dass alle anderen Projekte automatisch verschoben würden. Vielmehr müsse der Stadtrat klare Prioritäten setzen. Haushalt und personelle Kapazitäten seien begrenzt. Bis zur Sommerpause will Seidel das Thema Priorisierung im Stadtrat behandeln. Gerade die vielen neuen Stadtratsmitglieder müssten dabei umfassend informiert werden. Neben dem Ölschnitzufer stehen weitere große Aufgaben an: die Sanierung des Kindergartens am Klang, der Bau zweier Hochbehälter, Arbeiten an der Kläranlage, Investitionen ins Straßennetz und weitere Vorhaben.

Dass gerade viele Baumaßnahmen anstehen, war für Seidel ein weiterer Grund, zu diesem Zeitpunkt zu kandidieren. „Ich wollte mein Wissen einbringen – nicht, weil ich Baumaßnahmen liebe, sondern weil ich ermöglichen will, dass trotz dieser Aufgaben auch im Ort insgesamt etwas weitergeht“, sagt er.

Auch das Vereinsleben spielt für Bad Berneck eine wichtige Rolle. Am 21. Juni feiert der Fichtelgebirgsverein sein 130-jähriges Bestehen mit einem Familientag im Kurpark.

Ein weiteres Thema ist der Kurpark und die anstehenden Veranstaltungen. An der Mauer im Bereich Zugang/Zufahrt Kurpark sind vor Kurzem an mehreren Stellen Teile der Mauer ausgebrochen. Seidel verweist darauf, dass er bereits im Zusammenhang mit dem Bürgerentscheid 2021 vor Handlungsbedarf gewarnt habe. Seit dem Mauerschaden war die Zufahrt zum Kurpark für Fahrzeuge grundsätzlich gesperrt. In der Vergangenheit durften Bauhof oder Veranstalter mit Ausnahmegenehmigungen hinauffahren, etwa für Anlieferungen. Nun sei ein Kompromiss gefunden worden, damit Veranstaltungen weiterhin stattfinden können.

Besonders hervor hebt Seidel das Sommerparkfest und den Bad Bernecker Weihnachtsmarkt, der jedes Jahr am dritten Advent stattfindet. Beide Veranstaltungen seien wichtig, um zu zeigen, dass Bad Berneck mehr ist als ein Ort, durch den man nur hindurchfährt. „Wir wollen sichtbar machen, dass Bad Berneck sehenswert ist und einen Besuch lohnt“, sagt der Bürgermeister.

Die Entwicklung der Stadt will Seidel mit Maß und Ziel angehen. Auch strukturell wurden dafür Akzente gesetzt. Der bisherige Stadtentwicklungsausschuss wurde in Standortentwicklungsausschuss umbenannt. Damit soll deutlich werden, dass es nicht nur um klassische Stadtentwicklung geht, sondern auch um Wirtschaft, Tourismus und die strategische Positionierung Bad Bernecks. Zudem wurde das Thema Familie stärker verankert. Es gibt nun einen Familien- und Jugendausschuss sowie seit der konstituierenden Sitzung eine Familienreferentin. Sie soll Ansprechpartnerin für Familien sein, deren Anliegen aufnehmen und die Brücke zwischen Bürgerschaft und Stadtpolitik stärken. Ziel ist es, Bad Berneck auch als Familienstandort weiter auszubauen und gezielt zu verbessern.


Von Jessica Mohr
jm
north