Veröffentlicht am 11.07.2026 09:33

Wer braucht eigentlich wen?

Musik in voller Blüte: Ein aus Blumen gestalteter Notenschlüssel vor dem Festspielhaus (Foto: gmu)
Musik in voller Blüte: Ein aus Blumen gestalteter Notenschlüssel vor dem Festspielhaus (Foto: gmu)
Musik in voller Blüte: Ein aus Blumen gestalteter Notenschlüssel vor dem Festspielhaus (Foto: gmu)
Musik in voller Blüte: Ein aus Blumen gestalteter Notenschlüssel vor dem Festspielhaus (Foto: gmu)
Musik in voller Blüte: Ein aus Blumen gestalteter Notenschlüssel vor dem Festspielhaus (Foto: gmu)

BAYREUTH. Es gibt vor Ort Fragen, die stellt man besser nicht. Zum Beispiel: Braucht Bayreuth die Festspiele heute überhaupt noch?

150 Jahre nach ihrer Gründung gilt diese Frage fast als Sakrileg. Schließlich verdankt die Stadt Richard Wagner ihre weltweite Bekanntheit. Ohne die Festspiele wäre Bayreuth vermutlich eine oberfränkische Universitäts- und Verwaltungsstadt. Mit den Festspielen wurde sie zur Weltmarke. Hinter den roten Teppichen, den prominenten Gästen und den Kamerateams stellt sich jedoch die Frage: Wie viel von dem Mythos lebt in der Stadt selbst?

Die Rückkehr aus der historischen Katastrophe
Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Festspiele vor dem Aus. Zu eng war Bayreuth mit dem Nationalsozialismus verbunden. Adolf Hitler war regelmäßiger Gast auf dem Grünen Hügel. Die Wagner-Familie gehörte zu seinem engsten kulturellen Umfeld. Nach 1945 war völlig offen, ob die Festspiele jemals wieder stattfinden würden.

Als Wieland und Wolfgang Wagner 1951 den Neuanfang wagten, ging es deshalb um weit mehr als Oper. Das sogenannte „Neu-Bayreuth“ sollte mit der Vergangenheit brechen und gleichzeitig zeigen, dass Kunst und Demokratie zusammengehören.

Die Festspiele retteten damals nicht nur ihren eigenen Ruf. Sie retteten auch den Ruf der Stadt. Man lebt vom Mythos und profitiert bis heute. Jeden Sommer reisen Besucher aus aller Welt an. Hotels sind ausgebucht. Restaurants, Cafés und Geschäfte profitieren. Internationale Medien berichten über eine Stadt mit derzeit rund 73.000 Einwohnern, als wäre sie das Zentrum der Musikwelt. Die wirtschaftliche Bedeutung steht außer Frage.

Während Bayreuth weltweit als Festspielstadt wahrgenommen wird, haben viele Bayreuther mit den Festspielen selbst kaum Berührungspunkte. Kartenpreise, Wartelisten und die gesellschaftliche Aura, schaffen eine gewisse Distanz. Während man Wolfgang Wagner zu Lebzeiten auch beim Einkaufen in der Innenstadt sah, macht sich die Festspielleitung heute im Stadtbild eher rar. Die Begegnungen zwischen Festspielen und Stadtgesellschaft sind seltener geworden.

Zwei Welten
Während auf dem Hügel über Wagner, Regietheater und internationale Kulturpolitik diskutiert wird, beschäftigen die Menschen in der Innenstadt ganz andere Fragen: Wohnraum. Verkehr. Innenstadtentwicklung. Die Zukunft des Einzelhandels. Schul- und Kitaplätze.

Manchmal entsteht der Eindruck, als existierten in Bayreuth zwei Parallelwelten. Auf der einen Seite die internationale Kulturmarke. Auf der anderen Seite die Lebensrealität einer Stadt. Beide profitieren voneinander. Aber sie sprechen nicht immer dieselbe Sprache.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr wird dieser Widerspruch besonders sichtbar. 150 Jahre Bayreuther Festspiele hätten eigentlich ein Fest für die ganze Stadt werden sollen. Doch die Diskussion um die abgesagten Veranstaltungen zeigt, wie schwierig die finanzielle Realität geworden ist. Mit kostenlosen Open Airs präsentieren sich die Festspiele der Stadtgesellschaft allerdings auf dem Grünen Hügel.

Würde die Stadt die Bayreuther Festspiele noch einmal mittragen, wenn sie heute gegründet würden? Vielleicht sind die Bayreuther doch stolz auf ihre Festspiele, weil sich bis heute kein anderes Aushängeschild entwickelt hat. Die Universität genießt einen hervorragenden Ruf. Neue Forschungszentren entstehen. Doch außerhalb der Region wird Bayreuth fast ausschließlich über Wagner definiert.

Wer braucht eigentlich wen?
Bayreuth braucht also die Festspiele. Doch wie sehr brauchen die Festspiele Bayreuth? Nur hier steht das einzigartige Festspielhaus. Außerdem macht eine Marke allein noch längst keine weltoffene Stadt aus, deren Bürger, Gäste herzlich willkommen heißen.

„Wie schaffen es Stadt und Festspiele also, in den nächsten 150 Jahren näher zusammenzurücken?“


Von Gabriele Munzert
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