Parsifal-Inszenierung heuer zum letzten Mal

BAYREUTH. Krankheitsbedingt musste Startenor Klaus Florian Vogt die Titelpartie in „Parsifal“ im Premierenjahr 2016 für eine Aufführung im August absagen. Für ihn übernahm in dieser Auf-
führung der Österreicher Andreas Schager.

Die Festspielleitung wünsche Herrn Vogt rasche Genesung und danke Andreas Schager sehr herzlich für seine Bereitschaft, die Partie so kurzfristig sowohl szenisch als auch musikalisch zu übernehmen, hieß es damals in einer Mitteilung der Festspielleitung.

Wir trafen den Startenor in der vergangenen Woche kurz vor der „Parifal“-Aufführung in seiner Garderobe zum Interview.

BTSZ: Wie und wann wurden Sie damals kontaktiert?
Andreas Schager: Mein Hügeldebüt war im Festspielsommer 2016 als Erik in „Der fliegende Holländer“. Klaus Florian Vogt wurde damals krank und wegen meiner Anwesenheit in Bayreuth wurde ich gefragt, ob ich übernehmen möchte. Ich habe sehr gerne zugesagt, da ich die Partie bereits an der Staatsoper Berlin gesungen hatte. Für das Folgejahr 2017 war ich zu dem Zeitpunkt sowieso in Bayreuth für die Titelrolle in „Parsifal“ engagiert.

BTSZ: Sie übernahmen die Titelrolle für sämtliche Vorstellungen, da Klaus Florian Vogt in die „Meistersinger“-Neuproduktion wechselte.
Andreas Schager: So ist es eben im Theater. Ein Sänger übernimmt die Partie bei einer Produktion, die über Jahren an einem Haus gespielt wird, ein anderer führt sie, aus den verschiedensten Gründen, fort. Ich habe mit einem solchen Wechsel kein Problem. Für den Zuschauer bleibt es doch spannend, da jeder Sänger der
Figur eine andere Note verleiht. Mit jeder Veränderung, oder auch durch Wiederholungen, entsteht Neues. Wenn ein Dirigent über längere Zeit ein Orchester leitet, wächst ein Ensemble zusammen, es kommt zu neuen, innovativen Interpretationen. Das gelingt nur, wenn wie in Bayreuth, eine Inszenierung über vier oder fünf Jahre läuft. Für mich sind das die Eckpfeiler der Bayreuther Festspiele, der „Werkstatt-Gedanke“, ganz im Sinne von Wolfgang Wagner. Persönlich war es mir in dieser Rolle wichtig, Parsifals Wesenszug „aus Mitleid wissend“ herauszuarbeiten, dem Publikum zu zeigen, wie er durch Kundrys einzigen Kuß leidet.

Elena Pankratova als Kundry, einerseites das wilde Weib, andererseits Verführerin
Tiefenentspannt vor dem Auftritt. Wir trafen Andreas Schager in seiner Garderobe.

BTSZ: Richard Wagner selbst entwickelte die Idee, den Kern des Religiösen durch Kunst zu verdeutlichen. Die Parsifal-Inszenierung von Eric Uwe Laufenberg wurde zunächst kritisiert, islamfeindlich zu sein.
Andreas Schager: 2016 war die Stimmung sichtlich aufgeheizt. Angst, dass ein Attentat geschehen könnte, hatte ich nicht. Als Künstler konzentriere ich mich auf meine Rolle und blende jegliches andere Geschehen aus. Wenn überhaupt, kann ich blasphemische Darstellungen nur im Schlussbild sehen. Die Symbole aller Religionen werden in einen Sarg gelegt, sozusagen begraben. Im Laufe der Spielzeit hat Regisseur Laufenberg das Bild noch verstärkt. Auf meinen Vorschlag hat er eine Veränderung vorgenommen. Es wird noch ein Stein auf den Sarg gelegt, um deutlicher zu machen, lasst die Konflikte ruhen, lasst die Religion einfach aus dem Spiel.

BTSZ: Sie stehen in der Titelrolle auf der Bühne, die Produktion endet am Ende der Festspielzeit, was bleibt da in Erinnerung?
Andreas Schager: Wenn eine Produktion endet kommt natürlich Wehmut auf. Jeder Künstler ist in seine Rolle hineingewachsen. Gerade in dieser Parsifal-Produktion gab es nur wenige Umbesetzungen

BTSZ: Wie wichtig ist, neben dem Gesang, die körperliche Umsetzung einer Partie?
Andreas Schager: Wie heißt es doch so schön: „In einem gesundem Körper, wohnt ein gesunder Geist“. Wie Musik, Text und Dramaturgie perfekt aufeinander abgestimmt sein sollten, muss der Sänger auf der Bühne die Kraft haben, stimmlich und körperlich der Musik zu folgen.

BTSZ: Sie führen sieben Wagner-Partien im Repertoire, welche bevorzugen Sie besonders?
Andreas Schager: Die Antwort ist schwierig, denn jede Partie hat ihre Herausforderungen. Vielleicht ist es Tristan oder Parsifal. Wichtig ist mir die Energie, die ich während des Auftritts durch das Publikum erhalte, ganz gleich bei welcher Partie. Der Zuschauer unterschätzt oft, welche Kraft er den Künstlern auf der Bühne geben kann. Ebenso verhält es sich mit dem Orchester. Ich nehme die Impulse auf und lasse sie in meinen Gesang, mein Spiel einfließen, nochmal und nochmal.

BTSZ: Wann haben Sie erkannt, dass die Musik von Richard Wagner ihrer Stimme außergewöhnlich gut liegt?
Andreas Schager: Learning by doing, würde ich sagen, vor allem die zehn Jahre als Operettensänger auf Tournee waren hilfreich. Und man braucht die richtige Einstellung. Mit 38 Jahren habe ich 2009 den eifersüchtigen David in den Meistersingern gegeben. Beim Einstudieren der Partie war ich gefesselt und wurde nicht müde, zu proben. Rienzi war ein Erlebnis. Als Siegfried und Tristan stand ich innerhalb eines Jahres auf der Bühne. Dann kamen die großen Partien Lohengrin und Parsifal. Das Einstudieren jeder Partie war eine erfüllende Aufgabe.

 

BTSZ: Im deutschen Fach gehören Sie zu den Spitzentenören, denken Sie daran auch einmal ins italienische Repertoire zu wechseln?
Andreas Schager: Diese Frage wird mir oft gestellt. Interesse habe ich schon. Besonders die Rolle des Othello ist für mich reizvoll. Aus Zeitgründen ist es derzeit nicht möglich. Dennoch konnte ich zwei Termine in Wiesbaden einbauen. Dort stehe ich im Dezember für zwei Aufführungen als Mario Cavaradossi in Giacomo Puccinis „Tosca“ auf der Bühne.

BTSZ: Wie weit im Voraus ist Ihr Terminkalender gefüllt?
Andreas Schager: Wagnersänger werden frühzeitig angefragt und gebucht. Die großen Opernhäuser planen ihre Produktionen langfristig, die Schlüsselfiguren müssen rechtzeitig angefragt werden. Meine Engagements reichen bis in die Saison 2023/2024. Ich ziehe es immer vor, einen Puffer einzubauen, sonst bleibt keine Zeit für eine interessante kurzfristige Anfrage oder einen Liederabend.

BTSZ: Was macht die Besonderheit der Bayreuther Festspiele aus?
Andreas Schager: Es ist die Tradition. Das Haus wurde von einem Komponisten konzipiert, in dem nur seine eigenen Werke aufgeführt werden. Alles ist der Kunst und der Akustik geschuldet, darum sitzen die Besucher ja auch auf Holzstühlen. Es geht nicht darum, sehen und gesehen zu werden, sondern Oper in ihrer bestmöglichen Form zu zeigen.

gmu