Zwei Welten, eine Musik

BAYREUTH. Die ersten Töne des Abends gehörten dem Bouzouk, einer langhalsigen Bundlaute, die in der orientalischen Musik fest verwurzelt ist.

Ein deutsches Wiegenlied aus dem frühen 17. Jahrhundert auf diesem Instrument zu hören, war im ersten Moment befremdlich. Und doch auch wieder konsequent. Schließlich wollte dieses Konzert eine Brücke schlagen zwischen der Musik des Okzidents und des Orients, Verbindungen aufzeigen und eben nicht nur Musik gegen Musik stellen. Und so tauchte man denn gleich tief ein in den orientalischen Klangkosmos mit seinen charakteristischen Viertel-tönen und der speziellen Art des Vortrags, die dem Musiker einen ungleich größeren Freiraum zur individuellen Gestaltung gewährt, als das in der abendländischen Musik der Fall ist.

 

 

Die Art und Weise, wie der syrische Musiker und Bouzoukspieler Mevan Younes die schlichte Melodie von „Schlaf, Kindlein, schlaf“ mit den tragenden Elementen orientalischer Musik verwob, stellte somit en miniature bereits das Konzept für das gesamte Konzert vor.
Wobei der eigentliche Reiz dieses Konzertabends darin bestand, dass im Verlauf desselben die sich zunächst gegenüberstehenden Klangwelten des Okzidents, beziehungsweise Orients, immer weiter aufeinander zu bewegten, um schließlich am Ende ineinander aufzugehen. Was auch daran lag, dass man seitens der Künstler auf der Bühne quasi auf musikalische Entdeckungsreise geschickt wurde, was einem wiederum diverse Aha-Erlebnisse bescherte – wie etwa die Erkenntnis, dass die in der europäischen Barockmusik überaus populären und daher gerne verwendeten Ostinatofiguren auch in der orientalischen Musik von grundlegender Relevanz sind. Oder dass das tiefe Register, an diesem Abend bestehend aus Kontrabass, Barockcello und Cembalo, beziehungsweise Truhenorgel, in den beiden auf den ersten Blick doch so unterschiedlich anmutenden Musikwelten die gleiche Funktion hat: Nämlich vornehmlich Vortrieb zu erzeugen.

 

 

Nun hätte sich aus der einfachen, schablonenhaften Konzeption nebst seiner Programmatik, die den Begriff „Mutter“ zum verbindenden wie zentralen Element erhob, ebenso leicht ein schnell erschöpfendes und damit lähmend langes Konzert entwickeln können, doch dem standen zum Glück mit der Musica Alta Ripa sowie den beiden Sopranistinnen Núria Rial und Dima Orsho exzellente Musiker entgegen. Denn die verstanden es, auch der leider viel zu oft in das Korsett der reinen Virtuosität gepressten Barockmusik mit Inspiration und Zwischentönen zu begegnen und sich deshalb eben nicht in den sattsam bekannten Standards zu erschöpfen.
Mit den Werken Dima Orshos – speziell dem zum Schluss dargebotenen Zyklus „Ishtar: The greater Mother“ – hatte man es da als Zuhörer ein gutes Stück leichter. Die Energie, die hier über die Rampe im Markgräflichen Opernhaus in den bestens besetzten Zuschauerraum transportiert wurde, war schlichtweg mitreißend. Kein Wunder, dass sich das Publikum bei den Künstlern mit stürmischem Applaus bedankte.
Gordian Beck