Dr. med. Tim Klopfer,
Facharzt für Orthopädie und
Unfallchirurgie sowie
spezieller Unfallchirurg,
Parsifalstr. 5, 95445 Bayreuth

Ratgeber Gesundheit: Ruptur des vorderen Kreuzbandes

Bandverletzungen des Kniegelenkes, insbesondere des vorderen Kreuzbandes, sind sehr häufig und betreffen sowohl junge, als auch ältere Menschen. Neben einer ausführlichen Diagnostik sollte individuell mit dem Patient erörtert werden, ob eine Operation erforderlich ist und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Dr. med. Tim Klopfer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie spezieller Unfallchirurg, beantwortet Fragen zur vorderen Kreuzbandruptur.

Wann tritt eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes auf?
Besonders Ballsportarten tragen hier ein hohes Risiko: Fußball, Handball, Volleyball. Klassischerweise betrifft dies dann eher den jüngeren Patienten. Heutzutage sehen wir aber auch immer mehr Kreuzbandrupturen älterer Generationen. Dann tritt es zumeist bei Aktivitäten wie z.B. Skifahren oder Wandern in den Bergen auf. Insgesamt wird das Auftreten mit ca. 68 pro 100.000 Einwohner beziffert.

Was bedeutet das für mich?
Ist das vordere Kreuzband isoliert verletzt, sind die Beschwerden meist nicht allzu sehr ausgeprägt. Häufig sind jedoch Begleitverletzungen, z.B. Meniskuseinrisse oder Seitenbandläsionen, welche eine ausgeprägtere Symp-tomatik verursachen und dann auch ein angepasstes Vorgehen erfordern. Durch die Ruptur des vorderen Kreuzbandes entsteht eine multidirektionale Instabilität, welche v.a. den außenseitigen Gelenkspalt vermehrt unter Belastung setzt und Folgen haben kann.

Muss ich es operieren lassen?
Eine relativ klare Empfehlung zur Operation kann man jungen, sportlich aktiven Patienten geben, da die konservative Therapie zu einer deutlich erhöhten Rate an chronischer Instabilität führen kann. In der Literatur wird dieses Risiko mit 8 – 50 % der Fälle nach operativer und 75 – 87 % nach konservativer Therapie berichtet. Dies wiederum kann zu einem erhöhten Risiko einer Arthrose führen (51%). Daher empfiehlt auch die aktuelle Leitlinie die Rekonstruktion mit einem körpereigenen Sehnentransplantat und die Versorgung der Begleitverletzungen. Es ist nachgewiesen, dass die VKB-Rekonstruktion sekundäre Meniskus- und Knorpelverletzungen verhindern kann und das vorher bestehende Aktivitätsniveau wieder erreichen lässt. Weiterhin kommen nach einer Operation deutlich mehr Patienten wieder zu ihrem sportlichen Niveau zurück, welches sie vor der Ruptur hatten. Bei Leistungssportlern wird dies mit 83%, bei Freizeitsportlern mit 80% beziffert. Ohne Operation erreichen jedoch nur 19 % das bisherige Leistungsniveau wieder. Aber auch die konservative Therapie, sprich keine Operation, kann unter Umständen eine gute Wahl sein. Gute Therapieergebnisse korrelieren hier jedoch mit einer Reduktion von Aktivitätsgrad, Sportniveau und der Motivation. Auch nach primär eingeschlagener konservativer Therapie kann man bei persistierendem Instabilitätsgefühl immer noch eine Ersatzplastik durchführen. Dies kommt dann tatsächlich aber auch bei 50% der Fälle vor. Allerdings muss aufgeklärt werden, dass bei verzögerter Operation ein höheres Risiko für Folgeschäden (v.a. Meniskus und Knorpel) besteht.

Wann sollte operiert werden?
Im Hinblick auf die o.g. Rotationsinstabilität und Möglichkeit einer sekundären Schädigung des Knorpels und Menisken wird eine frühzeitige Operation empfohlen (innerhalb 10-12 Wochen).Je nach Begleitverletzungen muss dies aber individuell betrachtet werden.

Wie wird das vordere Kreuzband operiert?
Das vordere Kreuzband kann in einer minimalinvasiven Technik, einer Gelenkspiegelung, erfolgen. Hierzu sind mehrere, kleinste Schnitte um das Kniegelenk erforderlich, lediglich für die Sehnenentnahme bedarf es in der Regel eines ca. 3 cm großen Zugangs. Sowohl am Oberschenkel, als auch am Unterschenkel wird über diese ein Bohrkanal angelegt, über welchen das Sehnentransplantat eingezogen wird. Äußerst wichtig ist hierbei die korrekte Positionierung des Bohrkanals. Das Transplantat, in der Regel ein 4-fach-Strang der sog. Semiten-dinosus-Sehne, wird dann über resorbierbare Schrauben, Pins und einen verbleibendenTitan-Knopf fixiert. Eine Implantatentfernung ist in der Regel nicht erforderlich. Das körpereigene Sehnentransplantat benötigt ca. zwölf Wochen bis zum festen Einwachsen im Knochenkanal.

Welche Einschränkungen und wie lange werde ich haben?
Es ist nicht ungewöhnlich, dass es in den ersten Tagen nach der Operation zu einem Kniegelenkserguss kommt, entweder durch eine leichte Blutung oder durch vermehrte Bildung von Kniegelenksflüssigkeit. In der Regel resorbiert sich dies von selbst, evtl. sind auch Lymphdrainagen notwendig. Im Bereich der Sehnenentnahme entwickelt sich manchmal an der Oberschenkelinnenseite ein Bluterguss, welcher folgenlos abheilt. Krankengymnastik ist in der Regel nur notwendig, wenn Sie im Verlauf Schwierigkeiten haben, in die volle Streckung zu kommen.

In der ersten Woche kann das operierte Bein beschwerdeabhängig teilbelasten werden, dies ist nur mit zwei Krücken möglich. Sobald eine volle Streckfähigkeit im operierten Knie erreicht wird, kann eine zügige Aufbelastung erfolgen. Aufgrund der Dauer bis zum festen Einwachsen der Sehne sollte kein unkontrolliertes Krafttraining stattfinden, Fahrrad fahren und Lauftraining erst ab der 13. Woche begonnen werden. Risikosportarten wie Ballspiele oder Skifahren sollten frühestens nach 10 Monaten begonnen werden. An einem Wettkampf sollte man erst dann teilnehmen, wenn Trainingseinheiten problemlos absolviert wurden. Eine Motorschiene oder spezielle Bewegungs-Schienen sind in der Regel nicht notwendig.

Was kann ich selbst zum Heilungserfolg beitragen?
Bleiben sie aktiv! Krafttraining mit dem nichtoperierten Bein-, Rumpf- und Arm-Übungen. Zwischen der 6. und 12. Woche kann man spazieren, mit geringem Widerstand auf einem Stair-Master oder im brusttiefen Wasser gehen. Radfahren wird ab der 13. Woche empfohlen. Alles wohl dosiert und in der Belastung steigend. Ein wichtiger Punkt ist auch die Thromboseprophylaxe: Neben der medikamentösen Prophylaxe sollte man direkt nach der Operation mit Bewegungsübungen im Sprunggelenk beginnen, um den venösen Rückstrom zu fördern. Vermeiden von vermehrter Wärmeeinwirkung, v.a. in den ersten Wochen auf das Knie (Sauna, Sonnenbestrahlung), ist zu empfehlen, da es sonst zu Schwellungen kommen kann.