Handwerk in Oberfranken: Wirtschaftlicher Ausblick trübt sich ein

Oberfranken. Die Konjunkturumfrage im oberfränkischen Handwerk für das III. Quartal 2022 zeichnet ein differenziertes Bild der wirtschaftlichen Lage und des konjunkturellen Ausblicks. Während fast 83 Prozent der befragten Unternehmen aktuell von einer guten oder befriedigenden Geschäftslage im abgelaufenen Quartal berichten, gehen über 36 Prozent von einer Verschlechterung in den kommenden Wochen und Monaten aus – nur noch vier Prozent der Betriebe erwarten eine wirtschaftliche Erholung. „Mit Blick auf die vielen Krisen, von brüchigen Lieferketten über eine historisch hohe Inflation bis hin zur Energiekrise, sehen wir einen starken Nachfragerückgang“, so Matthias Graßmann, Präsident der Handwerkskammer für Oberfranken. „In dieser Situation profitieren Betriebe vieler Gewerke zwar von noch vollen Auftragsbüchern, aber die Auftragsbestände schmelzen doch rapide ab“. Teils dramatisch sei die Lage bei den Lebensmittelhandwerkern. „Viele unserer Bäcker und Metzger leiden noch unter den Auswirkungen der Corona-Krise und unter einem Mangel an Personal. Die Energiepreis-Explosion bringt viele Betriebe an den Rand der Existenz.“

Stark rückläufige Erwartungen, eine aktuell aber stabile wirtschaftliche Lage – dieser Mix führt zu einem deutlichen Einbruch im Geschäftsklimaindex des oberfränkischen Handwerks. Dieser fiel um 6 Punkte im Vergleich zum Vorquartal und liegt mit nunmehr 102 Punkten. „Der Einbruch im Geschäftsklimaindex zeigt die massive Verunsicherung unserer Wirtschaft über den weiteren Verlauf der kommenden Monate. Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft, sie führt trotz der aktuell galoppierenden Inflation zu Zurückhaltung bei Konsum und bei Investitionen.“ so der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Oberfranken, Reinhard Bauer. Bisher lag der Geschäftsklimaindex lediglich im ersten sowie im vierten Quartal 2020 niedriger. Dies waren die jeweils am stärksten unter dem Eindruck der Corona-Pandemie stehenden Winterquartale.

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Große Unsicherheit bei Handwerk in Oberfranken

In der Bewertung des III. Quartals 2022 bestätigen die wichtigsten wirtschaftlichen Indikatoren das zuvor beschriebene gesamtwirtschaftliche Bild einer noch guten Lage mit negativem Ausblick. Mehr als drei Viertel der befragten Betriebe hielten im dritten Quartal 2022 ihre Mitarbeitendenzahl stabil oder steigerten diese. Das entspricht dem Niveau des II. Quartals 2022. Der Trend bei den Umsätzen zeigt bei hoher Inflation seitwärts. Zwar konnten mit 54,5 Prozent mehr Betriebe als im Vorquartal ihren Umsatz stabil halten – im zweiten Quartal lag der Anteil noch bei 50,5 Prozent. Der Anteil der Betriebe mit steigenden Umsätzen ging jedoch von 27,5Prozent im zweiten Quartal auf nun 21,5 Prozent zurück. „Bei der Bewertung der Umsatzzahlen muss man immer die aktuelle Inflation im Hinterkopf behalten“, so Matthias Graßmann. „Ein gleichbleibender oder selbst leicht steigender Umsatz ist bei Inflationszahlen nahe den zehn Prozent ein deutlicher, realer, wirtschaftlicher Rückgang!“

Die sich immer weiter verstärkende Unsicherheit schlägt sich in den Auftragszahlen nieder. Mehr als jeder dritte Betrieb (36,5 %) meldet rückläufige Auftragseingänge. Zwar berichtet jeder zweite Betrieb (50 %) konstante Auftragseingänge, aber mit 14,5 Prozent ist der Anteil der Unternehmen mit wachsenden Auftragseingängen niedriger als während der Corona-Jahre. Bei einer gleichbleibenden Auslastung von 79 Prozent führt der Rückgang bei neuen Aufträgen zu einem deutlichen Rückgang der Auftragsbestände auf nunmehr durchschnittlich 10,3 Wochen. Dies ist ein Rückgang um 17 Prozent im Verglich zu Vorquartal, in dem der Auftragsbestand noch bei 12,4 Wochen lag. „Damit haben wir im jüngsten Quartal im Schnitt mehr als zwei Woche Arbeit gehabt, die wir nicht neu beauftragt bekamen, sondern in denen wir von noch vollen Auftragsbüchern zehren konnten!“, so Matthias Graßmann.

Banger Blick auf Nahrungsmittelhandwerk

Das Problemfeld hat sich im III- Quartal zu den energieintensiven Betrieben, vor allem im Nahrungsmittelhandwerk, hin verschoben. „Mit sehr großer Sorge blicken wir auf unsere Bäcker, Konditoren, Metzger und Brauer“, so Matthias Graßmann. „Hier schlagen die Energiekosten besonders durch, Konsumentinnen und Konsumenten verringern oder verschieben ihren Konsum und demzufolge sehen wir hier einen massiven Rückgang der Bewertung der Geschäftslage. Wir brauchen deswegen jetzt schnelle Entscheidungen, schnelle Hilfen und Härtefallbrücken!“
Einschätzungen aus einzelnen Handwerkszweigen

Im Vergleich zum Vorjahr präsentieren sich die Bau- und Ausbauhandwerke auf hohem Niveau etwas schwächer.

  • Bei den Zulieferern und Betrieben des gewerblichen Bedarfs setzt sich der negative Trend aus dem Vorquartal fort. Mit 37 Prozent melden weiterhin mehr als 1/3 der Betriebe eine aktuell schlechte Geschäftslage (III. /21: 18 Prozent).
  • Die Erholung im Kfz-Handwerk hält an. Inzwischen geben über 80 % der Betriebe ihre Geschäftslage als gut oder zufriedenstellend an.
  • Im Nahrungsmittelhandwerken verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage sehr deutlich. Der Anteil der Betriebe, die ihre Situation als schlecht bewerten, hat sich gegenüber dem Vorjahresquartal von 12 Prozent auf 40 Prozent mehr als verdreifacht. Nur noch 15 Prozent der Handwerksbetriebe im Nahrungsmittelbereich bewertet die aktuelle Geschäftslage als gut.
  • In den Gesundheitshandwerken geht die Bewertung der Geschäftslage gegenüber dem Vorquartal leicht zurück, zeigt jedoch weiterhin eine deutliche Erholung gegenüber dem Vorjahresquartal. Aktuell bewerten 89 Prozent der Betriebe ihre Situation als gut oder befriedigend (II. /22: 92,5 Prozent).
  • Im Friseur- und Kosmetikhandwerk setzte sich der Erholungstrend aus dem Vorquartal nicht fort. Aktuell bewerten noch 64,5 Prozent der Betriebe ihre Situation als gut oder befriedigend, was sowohl unter dem Vorjahresniveau (67,5 Prozent) als auch unter dem Vorquartalsniveau (70 Prozent) liegt.

Somit trübt sich das konjunkturelle Gesamtbild im oberfränkischen Handwerk ein. Die aktuellen Beschäftigtenzahlen und die aktuellen Umsätze sind, bei hoher Inflation, aufgrund von hohen Auftragsbeständen noch stabil. Bei stark Rückläufigen Auftragseingängen schmilzt dieses Polster aktuell schnell ab.

red