Göttin der Liebe und Symbol für Freiheit

BAYREUTH. Elena Zhidkova, die Venus in der diesjährigen Neuinszenierung „Tannhäuser“, zeigt sich in ihrer Rolle anarchistisch und befolgt Richard Wagners frühe Revolutionsdevise: „Frei in Thun. Frei im Wollen. Frei im Genießen.“ Privat sei sie ganz anders, erzählt Elena Zhidkova im Interview.

inbayreuth.de: Sie sind für die erkrankte Kollegin Ekaterina Gubanova sehr kurzfristig eingesprungen. Wie wurden Sie kontaktiert?

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Elena Zhidkova: Über meine Agentur erhielt ich die Anfrage aus Bayreuth. Es sollte schnell gehen. Ich habe zugesagt. Als ich ankam, begannen wir sofort zu proben. Zwei Tage, zwölf Stunden hintereinander. Jeder wollte etwas von mir: Die Perückenmacherin, der Kostümbildner – es gab so viele Details, die zu beachten waren.

inbayreuth.de: Die Inszenierung von Tobias Kratzer ist alles andere als traditionell. Wie haben Sie sich auf die Darstellung der Venus eingestellt und auf zwei Partner, Manni Laudenbach und Le Gateau de Chocolat, die Richard Wagner in seiner Oper gar nicht vorgesehen hat?

Elena Zhidkova: Das Konzept von Tobias Kratzer war für mich sofort nachvollziehbar. Ich habe verstanden, was er ausdrücken will. Dazu gehören auch Manni Laudenbach und Le Gateau de Chocolat. Oft wurde ich seither gefragt: „Wie hast du das alles hingekriegt?“ Mir kam das Konzept einfach entgegen. Tobias Kratzer gibt den Sängern reichlich Freiheiten in der Interpretation. Die Veränderungen kommen spontan und fließen in das Spiel ein.

 

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inbayreuth.de: Sie zeigen ihre tolle Figur in einem hautengen Glitzer-anzug. Man sagt, Sie seien die „Sexiest Venus“, die je auf der Bühne stand. Ist das ein Lob?

Elena Zhidkova: Venus ist die Göttin der Liebe, aber auch ein Symbol für die Freiheit. Sie darf wild, erotisch und sexy sein.

inbayreuth.de: Für die Inszenierung sind die Videoeinspielungen sehr wichtig. Wie aufwändig waren die Dreharbeiten?

Elena Zhidkova: Da durch die Umbesetzung sehr viele Szenen nachgedreht werden mussten, sehr aufwändig. Wir hatten 13 verschiedene Einstellungen an einem Drehtag. Nachts sind wir noch zu Burger King nach Bamberg gefahren. Das Fast Food-Unternehmen wollte, dass wir dort drehen, weil es die modernste Filiale in der Region ist. Die Schauspielerei hat mir sehr viel Spaß gemacht und wir haben weniger Zeit für manches Video gebraucht, als vorgesehen.

inbayreuth.de: Über eine Leiter entern Sie sozusagen das Festspielhaus. Ein Sakrileg?

Elena Zhidkova: Der Einbruch in das Festspielhaus ist eine Revolution. Während ich die Venus verkörpere, entdecke ich immer mehr Facetten ihrer Persönlichkeit und die setze ich im Spiel auch um. Ich bin überzeugt von dem was ich auf der Bühne mache – ungefähr bis eine Stunde nach Schluss – dann ist die Auseinander-setzung mit der Bühnenrolle vorbei. Im wirklichen Leben bin ich eher angepasst.

 

 

inbayreuth.de: Richard Wagner hat für die Venus im Zweiten Akt keinen Auftritt vorgesehen. Sie stehen mit ihrer Clique dennoch auf der Bühne. Sozusagen Mehrarbeit, denn Sie sind ja auch beim Pausenprogramm am Teich im Festspielpark mit von der Partie.

Elena Zhidkova: Zusammen mit dem Pausenprogramm ist der Aufführungstag schon anstrengend. Im Zweiten Akt habe ich zwar nur eine stumme Darsteller-Rolle, dafür bin ich szenisch gefordert. Ich habe gefühlt und gespürt, wie Venus agieren muss. Die Bewegungen kommen dann von ganz alleine. Auch bei den Auftritten am Teich bin ich noch so in meiner Rolle, voller Adrenalin.

inbayreuth.de: Bei den Videoeinspielungen sind Sie oft in Großaufnahme zu sehen. Diese Bilder zeigen ihre ausdrucksstarke Mimik. Wie trainiert man diesen Gesichtsausdruck?

Elena Zhidkova: Es gehörte zum Konzept. Ich bin von meinen Gefühlen ausgegangen und habe nicht nur einfach was gemacht. Vor der Premiere wollte ich mir die Videoeinspielungen nicht ansehen. Jeder hat davon gesprochen und ich kannte die Bilder noch nicht. Die Szene, in der der Polizist überrollt wird, wurde nicht mit mir gedreht, die Bilder wurden später eingefügt. Kritik über diese Szene steht mir nicht zu. Der Sänger entscheidet nicht über Inhalte, das macht der Regisseur.

 

 

inbayreuth.de: Deutsch ist nicht ihre Muttersprache – Richard Wagner war sein eigener Textdichter. Wie geht man die Rolle an?

Elena Zhidkova: Ich lebe schon lange in Deutschland. Mit dem Lesen von Büchern verbessere ich meine Sprachkenntnisse. Auch Bühnenschauspiele sind hilfreich. Aber es stimmt, Wagner-Texte haben ihre eigene Diktion. Es bedarf viel Mühe und auch Tränen, aber wer die Partien singen will, muss es lernen.

inbayreuth.de: Inzwischen gehört auch die Kundry in „Parsifal“ zu ihrem Repertoire. Welche weiteren Schritte in ihrer Karriere planen Sie?

Elena Zhidkova Ich fühle mich privilegiert, eine solche Partie singen zu dürfen. Eine Rolle ist ein Entwicklungsprozess, sie ist nie abgehakt, man wird immer besser und fügt das Stück seinem Repertoire hinzu. In Bayreuth bin ich kurzfristig wegen Krankheit als Ortrud in „Lohengrin“ eingesprungen. Ich kenne die Rolle, die Körpersprache ist der der Venus ähnlich. Auch wenn die „Lohengrin“-Inszenierung eher klassisch ist, kann ich mich schnell anpassen, da Bilder und Kostüme anders sind.

inbayreuth.de: Was ist an Bayreuth so besonders? Sie kennen ja das Festspielhaus von früheren Auftritten im „Ring des Nibelungen“.

Elena Zhidkova Meine Auftritte als Rheintöchter sind lange her und die Erinnerungen an manche Dinge verblasst. Die Bayreuther Festspiele sind ein besonderes Festival, mit anderen nicht zu vergleichen. Kein anderer Komponist hat solche Hardcore-Fans, die aus der ganzen Welt anreisen, um hier in Bayreuth seine Opern zu hören. Die Wagner-Musik löst bei den Menschen etwas aus. Hier auf der Bühne zu stehen, ist ein ganz außergewöhnliches Erlebnis und ich freue mich, bei den restlichen „Tannhäuser“-Vorstellungen in dieser Saison auf der Bühne dabei sein zu können.

gmu