Prof. Dr. med. Stefan Gycha
Facharzt für Allgemeinmedizin,
Sportmedizin & Chirotherapie

BTSZ: Herr Prof. Gycha, Stammzellentherapien rücken in jüngster Zeit immer mehr in den Fokus. Sie beschäftigen sich nun seit vielen Jahren mit der regenerativen Medizin und sind auch in der Forschung zu diesem Thema tätig.

Professor Gycha: Das ist richtig, die regenerative Medizin, vor allem des Bewegungsapparates – also die Therapie von Gelenken, Sehnen und des Knorpels – beschäftigt mich schon seit über zwei Jahrzehnten. Die Entwicklungen im Bereich der Stammzellentherapie verfolge ich nun mit wachsendem Engagement seit acht Jahren, seit drei Jahren bin ich selbst in die Forschung zur humanmedizinischen Anwendung eingebunden. Seit knapp einem Jahr bringe ich diese Erkenntnisse in meiner Praxis an meinen Patienten zur konkreten Anwendung. Lassen sie mich noch kurz erläutern: Stammzellen sind Zellen, die keine oder nur eine geringe Differenzierung aufweisen und somit noch nicht auf eine bestimmte Funktion im Körper festgelegt sind. So kann aus Stammzellen zum Beispiel Knorpel entstehen, genauso aber auch Nerven – oder Muskelzellen, ebenso wie Bindegewebe (z.B. zur Heilung von Sehnen).

BTSZ: Ist denn der derzeitige Hype um die Stammzellentherapie gerechtfertigt?

Professor Gycha: Unzählige Forschergruppen in der ganzen Welt beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Grundlagenforschung und klinischen Anwendung der SCT (Stem Cell Therapy/Stammzellentherapie). Hat man über Jahrzehnte Stammzellen aus dem Knochenmark zur Behandlung von verschiedenen Erkrankungen – vor allem des blutbildenden Systems – eingesetzt, so hat sich inzwischen vor allem für den orthopädischen Behandlungsansatz die Gewinnung von Stammzellen aus dem körpereigenen Fettgewebe etabliert. Hier ist die Konzentration der vitalen Stammzellen bis zu 100 mal höher als bei aus dem Knochenmark entnommenen Proben. Die vorliegenden Forschungsergebnisse sind äußerst vielversprechend – eine gewisse Euphorie sehe ich also durchaus gerechtfertigt.

 

 

BTSZ: Können Sie einen Einblick geben, für welche Erkrankungen in Zukunft eine Therapieoption bereitstehen könnte?

Professor Gycha: Weltweit wird auf allen medizinischen Gebieten geforscht, z.B. in der Neurologie, inwieweit die Parkinsonerkrankung durch SCT beeinflusst werden kann. Auch ist es schon gelungen, mit Stammzellen Nervengewebe zu regenerieren – dies könnte für Unfallverletzte von großer Bedeutung sein. Die Innere Medizin betreffend, arbeitet man zum Beispiel an der Wiederherstellung von zerstörtem Lebergewebe und an der Regeneration von Herzmuskelzellen nach einem Herzinfarkt. Dies waren nur einige Beispiele, letztlich wird zurzeit intensiv versucht, quasi jedes menschliche Gewebe nachzuzüchten.

BTSZ: Welche Krankheitsbilder können Sie aktuell in ihrer Praxis mit den zur Verfügung stehenden Therapieoptionen behandeln?

Professor Gycha: Auch wenn sich in Studien teilweise sensationelle Ergebnisse gezeigt haben in der Heilung von Knorpel-, Sehnen- und Weichteilschäden, so muss doch die Indikation zur SCT immer im Rahmen einer kritischen Beurteilung der individuellen Situation gestellt werden. Zur Zeit behandle ich vor allem Erkrankungen im Bereich der großen Gelenke, wie Hüft-, Knie- sowie Schultergelenk und seit kurzer Zeit auch Sehnenschädigungen.

BTSZ: Wie sind ihre bisherigen Ergebnisse?

Professor Gycha: Bei den Kniegelenken kann ich einen Zeitraum von einem halben Jahr und mehr überblicken, hier zeigen sich durchwegs sehr erfreuliche Ergebnisse. Im Bereich der Schulter- und Hüftgelenke sowie bei Erkrankungen der Sehnen reicht der vergangene Beobachtungszeitraum noch nicht aus, um hier bereits eine definitive Aussage treffen zu können – es scheinen sich aber die Erwartungen zu erfüllen.

BTSZ: Was haben wir Ihrer Meinung nach in Zukunft von der SCT zu erwarten?

Professor Gycha: Ich bin der Überzeugung, dass die Entwicklung der Therapie mit Stammzellen rasant weitergehen wird und dass viele Erkrankungen, bei denen heute z.B. einzig eine Operation als Option zur Verfügung steht, in Zukunft mit Stammzellen behandelt werden können.