Christian Autenrieth
Oberarzt der Kinderklinik, Kinderchirurg im Ambulanten Zentrum der Klinikum Bayreuth GmbH

Hodenhochstand. In den meisten Fällen kommt die Diagnose bereits unmittelbar nach der Geburt oder in den ersten Lebenswochen. Viele Eltern machen sich dann Sorgen.

„Verständlicherweise“, sagt Christan Autenrieth. Er ist Kinderchirurg im Ambulanten Zentrum der Klinikum Bayreuth GmbH und Oberarzt der Kinderklinik und behandelt als solcher verschiedene Formen des Hodenhochstands. „Kein Kind muss damit auf Dauer leben. Ein Hodenhochstand sollte immer bereits im Kindesalter behandelt werden.“

Im Rahmen eines Medizinischen Vortrags spricht er am kommenden Mittwoch um 18 Uhr im Foyer des Klinikums Bayreuth über unterschiedliche Ausprägungen und darüber, wann der richtige Zeitpunkt für eine Therapie gekommen ist.

BTSZ: Herr Autenrieth, was ist ein Hodenhochstand?
Christian Autenrieth: Dazu muss man etwas ausholen. Die Anlage der Hoden findet bei Jungen vor der Geburt im Bauchraum statt. Bis zur Entbindung wandern sie durch den Leistenkanal nach unten in den Hodensack. Diese Entwicklung sollte bis zur Geburt abgeschlossen sein, ist sie aber nicht immer. Ein Hodenhochstand ist in vielen Fällen also ein nicht ganz abgeschlossener Reifungsprozess und betrifft daher oft, aber nicht ausschließlich, zu früh geborene Kinder. Die Hoden befinden sich dann bei den Säuglingen nicht im Hodensack, sondern noch in der Leistengegend oder sogar im Bauchraum.

BTSZ: Und das ist ein Problem?
Christian Autenrieth: Auf längere Sicht ja. Bleibt der Hochstand unbehandelt, reift der Hoden unter Umständen nicht weiter. Die Hormonproduktion ist stark beeinträchtigt und damit auch das Heranwachsen zum jungen Mann. Die Zeugungsfähigkeit würde leiden und nicht zuletzt besteht das Risiko einer bösartigen Ent-artung: Das Krebsrisiko steigt. Grund dafür ist vor allem die Temperatur von etwa 37 Grad Celsius im Körperinneren – das ist den Hoden auf Dauer zu warm.

BTSZ: Wie erkennt man einen Hodenhochstand?
Christian Autenrieth: Meist fällt es den Kinderärzten bereits bei der ersten Untersuchung nach der Geburt auf. Der Hoden lässt sich im Hodensack nicht tasten.

Ist das der Fall, machen wir Kinderchirurgen uns auf die Suche. Die Frage lautet dann: Wo ist der Reifungsprozess unterbrochen? Ist der Hoden bereits gewandert und wie weit?

BTSZ: Welche Szenarien sind denkbar?
Christian Autenrieth: Darauf werde ich in meinem Vortrag ausführlich eingehen. Grundsätzlich gilt: Je weiter der Prozess fortgeschritten ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich ein Hodenhochstand „verwächst“. Der normale Reifungsprozess kann also abgewartet werden.

Zu unterscheiden sind im Wesentlichen drei Formen: Ein Pendelhoden beispielsweise hat seine normale Lage im Hodensack bereits erreicht, pendelt aber immer wieder nach oben in die Leistengegend. In diesem Fall normalisiert sich die Lage mit dem Wachstum meist im ersten Lebensjahr.
Handelt es sich um einen sogenannten Gleithoden, kann man den Hoden zwar nach unten mobilisieren, allerdings nur unter Spannung. Er wird sich immer wieder nach oben zurückziehen. Auch das kann sich verwachsen, muss aber operativ korrigiert werden. Liegt der Hoden noch in der Bauchhöhle und hat seinen Weg nach unten also noch gar nicht angetreten, ist eine Operation hingegen meist unumgänglich.

BTSZ: Wann sollte eine Operation erfolgen?
Christian Autenrieth: Stichtag ist der erste Geburtstag. Man weiß heute, dass die hormonelle Entwicklung nicht erst mit der Pubertät einsetzt, sondern in vielen kleinen Schritten bereits im Kleinkindalter beginnt. Diese Entwicklung sollte so normal wie möglich ablaufen. In den ersten sechs bis acht Monaten wartet man ab, wie der Reifungsprozess weitergeht. Dann beginnen wir aber bereits mit den Eltern und behandelnden Kinderärzten gemeinsam ein Behandlungskonzept zu entwickeln, das auch eine mögliche Operation einschließt.

Die Operation selbst ist ein kleinerer Eingriff, den wir ambulant machen können. Für uns gilt dabei: So viel Krankenhaus wie nötig, so wenig Krankenhaus wie möglich.