BAYREUTH. Wer Lebensmittel einkauft, wird sich in den kommenden Monaten und Jahren auf Neuerungen einstellen müssen. Änderungen im europäischen Lebensmittelrecht sollen Verfahren vereinfachen, Innovationen ermöglichen und die Versorgung sichern. Für Verbraucherinnen und Verbraucher heißt das: weniger Bürokratie im Hintergrund, dafür neue Fragen beim Einkauf. Darauf weist Prof. Dr. Kai Purnhagen, Experte auf dem Gebiet des internationalen Lebensmittelrechts an der Universität Bayreuth, hin.
„Lebensmittel bleiben sicher“, betont Prof. Purnhagen. „Aber die Art, wie Produkte reguliert und Informationen vermittelt werden, verändert sich.“ Besonders sichtbar könnte das bei der Kennzeichnung werden. In den vergangenen Jahren ist die Zahl freiwilliger Siegel und Labels stark gestiegen – mit begrenztem Nutzen. „Studien zeigen, dass zu viele Kennzeichnungen eher verwirren als helfen“, sagt Purnhagen. „Sie vermitteln oft ein gutes Gefühl, unabhängig von ihrer tatsächlichen Aussagekraft.“ Zentrale Angaben wie Allergene oder gesundheitsrelevante Hinweise bleiben erhalten. Umso wichtiger wird es jedoch, sich nicht allein auf plakative Siegel zu verlassen.
Neue Techniken, bekannte Lebensmittel
Ein sensibler Bereich bleibt die Debatte um gentechnisch veränderte Organismen. Auf EU-Ebene ist vorgesehen, neue genomische Techniken rechtlich anders zu behandeln als klassische Gentechnik. Bestimmte Verfahren sollen künftig ohne Zulassung oder Kennzeichnung möglich sein. „Das klingt neu, ist es aber nicht“, erklärt Purnhagen. „Viele Lebensmittel, die wir seit Jahrzehnten essen, sind genetisch verändert, ohne dass sie gekennzeichnet sind.“ Entscheidend sei die Differenzierung: Tiefgreifende genetische Eingriffe sollen weiterhin reguliert und gekennzeichnet bleiben. Ein höheres Risiko durch die neuen, präziseren Techniken sei wissenschaftlich nicht belegt – gesellschaftlich bleibt das Thema dennoch umstritten.
Innovation testen – ohne Risiko für den Alltag
Ergänzt werden die neuen Regeln durch sogenannte Reallabore. In diesen können neue Lebensmittel und Produktionsverfahren unter kontrollierten Bedingungen erprobt werden. „Das betrifft nicht den normalen Einkauf“, stellt Prof. Purnhagen klar. Ziel sei es, Innovationen in Europa zu halten und Erfahrungen zu sammeln, bevor Produkte breiter auf den Markt kommen.
Preise und Verfügbarkeit im Blick
Künftig sollen auch Importkontrollen verschärft werden. Lebensmittel aus Drittstaaten werden stärker überprüft, um europäische Standards zu sichern. „Das schützt Verbraucher und regionale Erzeuger“, sagt der Lebensmittelexperte. Gleichzeitig könne das Auswirkungen auf Preise und Verfügbarkeit haben. In global vernetzten Lieferketten bleibt die Versorgungssicherheit damit ein zentrales Thema – auch im Alltag.
Orientierung statt Verunsicherung
Purnhagens Fazit: Anlass zur Sorge besteht nicht, Aufmerksamkeit schon. „Lebensmittelrecht prägt unseren Alltag stärker, als vielen bewusst ist“, sagt er. „Wer versteht, warum sich Regeln ändern, kann informierte Entscheidungen treffen – und muss sich nicht von Schlagzeilen verunsichern lassen.“